Das Sonntagsgespräch 29.11.2009 00:01
"Gemeinsam gute Bücher machen" - Übersetzerin Lis Künzli im Gespräch

Lis Künzli
© Etienne Marie
Es ist viel gestritten worden zwischen Verlagen und Übersetzern in den letzten Jahren. Anfang des Monats erschien die schriftliche Urteilsbegründung des BGH zum Abschluss des letzten Verfahrens. Von Seiten des Börsenvereins wird nun befürchtet, es könnten zukünftig weniger Bücher übersetzt werden.
Im Gespräch mit
buchmarkt.de wirbt
Lis Künzli, selbst Übersetzerin, um Verständnis für die Hartnäckigkeit der Übersetzer.
buchmarkt.de: Sie haben in diesem Jahr den Eugen-Helmlé-Übersetzerprei erhalten. Wir gratulieren! Einerseits eine schöne Anerkennung Ihrer Arbeit. Andererseits mit 6.000 Euro natürlich auch eine finanzielle Gabe. Kann man vom Übersetzen leben?
Künzli: Darin besteht wahrscheinlich die eigentliche Kunst des Berufs! Es ist auf jeden Fall eine ständige finanzielle Gratwanderung, und die Sorge ein treuer Begleiter bei der Arbeit.
buchmarkt.de: Kürzlich hörte ich allerdings, „gute Übersetzer“ verdienten sehr gut ... Hinrich Schmidt-Henkel vom Übersetzerverband dagegen rechnet vor, um auf ein monatliches Entgelt von ca. 1000 Euro zu kommen, müsse ein Übersetzer rund 130 Seiten pro Monat übersetzen. Was sagt denn nun eine der guten Übersetzerinnen dazu?
Künzli: Wenn es ab und zu einem Übersetzer gelingt, durch einen Beststeller – und dem entsprechenden Vertrag - dem finanziellen Schlamassel zu entkommen und Aussicht auf eine gesicherte Rente zu haben, gönne ich es ihm von Herzen. Für die ganz große Mehrheit sind die 1000 Euro Realität. Wer etwas anderes behauptet, hat entweder ein Interesse daran, oder sollte noch einmal etwas nachrechnen.
Zur reinen Übersetzungsarbeit kommen Bibliotheksgänge für Recherchen, Autorengespräche, Lektorat und Fahnenkorrekturen usw. Es gibt also viele Tage, an denen keine einzige Seite entsteht und in Rechnung gestellt werden kann.
Bezahlt wird nämlich nur die abgelieferte Seite, egal, was da alles an Arbeit hineingeflossen ist. Und wie viele Stunden man möglicherweise nach einem einzigen Begriff gesucht hat, der sich vielleicht in einer Enzyklopädie aus dem achtzehnten Jahrhundert versteckt und nirgendwo sonst, auch nicht bei Google.
Von diesem Seitenhonorar müssen dann sämtliche Bürokosten, Kranken- und Rentenversicherung usw. bezahlt werden, und vielleicht sogar ein bisschen Ferien. Für die meisten bedeutet das: Arbeiten bis zum Alzheimer, und der einzige Trost dabei ist, dass es so faszinierend ist, dass man wahrscheinlich gar keine Lust hat, mit 65 damit aufzuhören.
buchmarkt.de: Es gibt Werke, die einem Übersetzer wesentlich mehr abverlangen als andere. Wie viel Spielraum haben Sie in solchen Fällen bei Vertragsverhandlungen?
Künzli: Einmal vorausgeschickt, dass es bei einer sorgfältigen Arbeit wirklich leichte Übersetzungen nicht gibt, ist zu sagen, dass der Schwierigkeitsgrad tatsächlich sehr unterschiedlich sein kann, was ein gewisses Einkommensgefälle erklärt. Der Verhandlungsspielraum ist aber eng. Wenn ich für ein sehr anspruchsvolles Buch einen bis zwei Euro mehr aushandeln kann – für mehr beißt man gewöhnlich auf Granit -, bedeutet das etwa 200-400 Euro mehr für drei, vier oder fünf Monate Arbeit. Das reicht vielleicht für die Anschaffung notwendiger Sekundärliteratur oder ein paar Tage Bibliotheksarbeit, macht aber auf keinen Fall den Umstand wett, dass ich in derselben Zeit zwei, drei einfachere Bücher übersetzen könnte. Auch dies ein Punkt, dem in einer künftigen Vergütungsregel mehr Rechnung getragen werden sollte.
buchmarkt.de: Welche Grundvoraussetzungen sollte ein literarischer Übersetzer denn mitbringen?
Künzli: Die Kenntnis der Ausgangssprache, aber auch der Kultur, ist natürlich eine Voraussetzung. Noch wichtiger aber ist ein gutes Einvernehmen mit der Muttersprache, denn mit ihr geht die eigentliche Arbeit erst los. Dann braucht es die richtige Mischung aus Bescheidenheit dem Original gegenüber und Selbstbewusstsein, damit etwas eigenständig Neues entstehen kann. Eine unversiegbare Neugier, um mit der sich ständig verändernden Sprache mitzuwachsen, ein ganz großes Ohr, das nie schläft, weil man ständig auf der Suche nach dem treffenden Ausdruck ist, den man dann vielleicht in der Warteschlange vor dem Postschalter aufschnappt.
Und da man so ungefähr über alles irgendwann Bescheid wissen muss, ist ein gut gefülltes Adressbuch auch nicht schlecht, um für jeden Fall einen Experten zur Hand zu haben. Und da Sprache Niederschlag von Leben ist, sollte man auch ein bisschen gelebt und ebenso viel gelesen haben. Und ein Regal voller Wörterbücher. Böse Zungen behaupten manchmal, es brauche eine tüchtige Prise Masochismus, und solange sich an den Bedingungen nichts ändert, haben sie wohl nicht ganz Unrecht.
buchmarkt.de: Der Übersetzerverband wertet das BGH-Urteil nun als Erfolg, trotz des einen oder anderen Wermutstropfen. Von Seiten des Börsenvereins wie der Verlage heißt es dagegen, das Urteil entspreche im wesentlichen dem Berliner Modell, das auf Initiative von Random House im Juni 2008 vorgelegt wurde. Sie sehen das Urteil daher eher als Stärkung der eigenen Position. Der Laie fragt sich da: Wer hat denn nun recht?
Künzli: Ganz befriedigend und direkt umsetzbar ist das Urteil wohl für beide Seiten nicht. Umso günstiger ist nun die Ausgangslage, um endlich zu einem Kompromiss zu finden, der die Situation aller oder möglichst vieler Übersetzer verbessert. Wenn die Beteiligung wie beim Berliner Modell bei 5000 Exemplaren einsetzt, ändert sich für sehr viele Übersetzer absolut nichts, da ungefähr die Hälfte der übersetzten Titel drunter bleiben. Und bedenkt man, dass die Seitenpreise nicht mit der Inflation Schritt halten, verschlechtert sich die Lage sogar ständig. Das ist die größte Nuss, die zu knacken sein wird.
buchmarkt.de: Der Börsenverein fürchtet, nach dem BGH-Urteil würden Übersetzungen teurer, weshalb „künftig weniger Bücher übersetzt, viele risikoreiche, aber kulturell bedeutsame Titel auf der Strecke bleiben“ würden. Wie schätzen Sie das ein?
Künzli: Das heißt im Klartext: Wenn wir weiterhin kulturell bedeutsame Titel veröffentlichen wollen, sollen die Übersetzer sie auch künftig subventionieren – denn genau das tun sie – durch ihr Leben am Rande des Existenzminimums, durch das Einkommen ihrer Lebenspartner, auf Kosten von Gesundheit und Rente. Das kann die Lösung nicht sein, auch wenn es jahrzehntelang so funktioniert hat. Ein gewisses Umdenken ist da bestimmt gefragt, wie immer, wenn es darum geht, alte Gewohnheiten loszuwerden. Aber einem kreativen Gewerbe wie dem Buchgeschäft fällt dazu bestimmt noch etwas anderes ein, als die Verantwortung an die Übersetzer abzuschieben. Nur ein Stichwort: Royalties, für die große Verlage zum Teil astronomische Summen bezahlen.
buchmarkt.de: Haben Sie den Eindruck, die Bedeutung einer Übersetzung wird nicht ausreichend wahrgenommen?
Künzli: Die mangelnde Beachtung hat ihren Grund wohl zum Teil im Metier selbst, dessen Kunst gerade darin besteht, sich unsichtbar zu machen. Aber ein Journalist macht dem Leser etwas vor, wenn er bei einer Besprechung die Übersetzung übergeht, als hätte er es mit einem Buch aus erster Hand oder aus erstem Kopf zu tun, mit einem reinen Wallace oder Tolstoi. Interessiert man sich für Literatur, bringt man sich damit auch um einen wesentlichen Aspekt des Buches und damit um einen Teil des Vergnügens (oder man ärgert sich über den Falschen). Es ist ein bisschen so, als wäre es einem Musikliebhaber, der sich ein Klavierkonzert von Brahms anhört, gleichgültig, von welchem Pianisten es gespielt und wie es interpretiert wird.
buchmarkt.de: Bei Lübbe arbeitet man inzwischen mit drei fest angestellten Übersetzern. Könnte dieses Modell eine Lösung sein?
Künzli: Auch wenn die Aussicht, sich auf gesicherter Basis einfach nur der Arbeit widmen zu können, verlockend ist: Wenn dadurch die Beteiligung der Übersetzer umgangen werden soll, so bietet das Modell wohl keine Gewähr für Rechtssicherheit, da die kreative Leistung einer Übersetzung unumstritten ist und unter das Urheberrecht fällt.
Nein, ich hätte da einen anderen Vorschlag und kann den Verlegern, die das und die Klagen der Übersetzer satt haben, versprechen: Sobald wir eine redliche Vergütungsgrundlage gefunden haben, verschwindet das ganze Klagen wie von Zauberhand, und wir können uns auf das konzentrieren, worum es eigentlich geht: Gemeinsam gute Bücher zu machen.
Die Fragen stellte Carolina López
Lis Künzli wurde 1958 in Luzern geboren. Seit 1992 ist sie als freie Übersetzerin und Herausgeberin tätig. Sie lebt seit vielen Jahren in Berlin und Toulouse. Künzli hat vor allem zeitgenössische Belletristik ins Deutsche übertragen.