In der fünften Folge seiner Serie STERNstunden, Heft 7, Seite 68 berichtet unser Autor Helmut Benze über die ebenso mutige wie schlagfertige Reaktion von Frau L., einer erfolgreichen und hoch motivierten Außendienstmitarbeiterin, die einem Marketinggeschäftsführer widersprach, weil sie sowohl dessen Kritik am Außendienst (AD) als auch die pauschale Geringschätzung des wichtigsten Handelpartners für unakzeptabel hielt.
Nicht Frau L. allein befand den verbalen Rundumschlag des neuen Marketinggeschäftsführers unangebracht und unakzeptabel. Während sich einige, die auch hätten widersprechen müssen, sich wegduckten, um sich nicht mit dem Geschäftsführer anzulegen, gingen andere auf Tauchstation, weil sie es für klüger hielten, dem Neuen seinen Auftritt durchgehen zu lassen. Sie meinten in einem intensiven AD-internen Resumé, einem Neuen müsse man die Chance geben, zu beweisen, wie gut neue Besen kehren. Frau L. widersprach mit einer Argumentation die fast alle überzeugte und den AD-Kollegen Respekt abnötigte:
> Wenn wir einem neuen Geschäftsführer gegenüber fair sein wollen, hat er einen Anspruch darauf, bereits bei der ersten Meinungsverschiedenheit zu erfahren, wie wir (oder einige von uns) denken und welche Haltung zu grundsätzlichen Fragen wir einnehmen.
> Einer neuer Geschäftsführer mag vielleicht die erste Gelegenheit nutzen müssen, um zu demonstrieren, wie durchsetzungsfähig er ist und welche Maßstäbe er anlegt. Das sei ihm unbenommen. Nicht jedoch auf Kosten anderer. Schon gar nicht zu Lasten eines Leistungsteams und erst Recht nicht zu Lasten der Buchhändler.
> Wer ein Problem falsch einschätzt und im gemeinsamen Bemühen um Verkaufserfolge Erklärungen äußert, die am Kern des Problems vorbei gehen, hat einen Anspruch auf konstruktive Kritik.
> Falls sich jemand vom Start weg auf ein Machtspiel einlassen möchte, um auszuloten, wie er künftig mit uns und mit Teilen des Buchhandels verfahren kann, muss unverzüglich gegenhalten und demonstriert werden, wie man mit uns umgehen kann und wie nicht.
> Unsere auf Vertrauen beruhende Zusammenarbeit mit dem Sortiment gründet
u. a. auf Glaubwürdigkeit und Loyalität. Beides erfordert Mut zum Risiko, im Verlag Kritik auszulösen.
> Wir haben in der Vergangenheit immer mal wieder den Eindruck gewonnen, dass einige Verlagskollegen unsere Kritik an schwer verkaufbaren Neuerscheinungen für vorgeschoben hielten. Wenn wir erreichen wollen, dass unsere Markteinschätzung gewürdigt wird, müssen wir jeder Zeit dafür eintreten.
Eine junge AD-Kollegin, fragt Frau L., u. a. danach, was sie befähigt habe, um so spontan, entschieden und überzeugend reagieren zu können. Ausser Erfahrung und Weiterbildung durch Coaching nannte Frau L. ein Schlüsselbuch, ein anregendes „Lehrbuch“ sowie ein aktuelles Buch, das sie gegenüber dem schneidigen Marketinggeschäftsführer „aufgerüstet“ habe:
Das Schlüsselbuch:
> Malcolm Gladwell: Der Tipping Point Wie kleine Dinge Grosses bewirken können, Berlin Verlag; ISBN 3-8270-0274-5
Dieses Buch habe sie begeistert, da es ermutige, konventionelle Annahmen über das menschliches Verhalten und den Umgang miteinander auf den Kopf zu stellen und zu wagen, mit Zivilcourage Routinen und Vorurteile zu verändern.
Das Lehrbuch:
> Silke Foth: Erfolgsrituale für Bussiness-Hexen, Orell Füssli, ISBN 3-280-05084-7
Dieses flott geschriebene Buch habe sie darin bekräftigt und auch belehrt, wie frau sich die Anerkennung holt, die sie verdient und dass es nicht angeht, doppelt so viel arbeiten zu müssen, um bei gleicher Qualität im Vergleich zu Männern anerkannt und bei Entscheidungen gleichrangig bedacht zu werden, wie frau sich besser gegen männliche Übergriffe oder Macho-Entgleisungen rüstet und warum es sich lohnt, die von Männern bestimmten Rituale in Beruf und Alltag zu knacken.
Das aktuelle Büch:
> Gerhard Dammann: Narzissten, Egomanen, Psychopaten in der Führungsetage
Fallbeispiele und Lösungswege für ein wirksames Management, Haupt Verlag, ISBN 978-3-258-07226-5
Dieses klar und sehr anregend geschriebene Buch habe ihr geholfen, zu begreifen, warum so viele Krisen in Firmen, Politik und Gesellschaft ausbrechen. Es habe bei ihr grundlegende Widerstandsbereitschaft gegen neurotisches Führungsverhalten verankert und sie durch seine zahlreichen Tipps ermuntert, mit dem gelegentlichen Wahnsinn im Wirtschaft und Politik umzugehen. Wer sich durch den Autor inspirieren lasse, tanke nebenbei Mut und Kompetenz für zupackende Intervention in Alltag und Beruf.