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Das Sonntagsgespräch 21.02.2009 11:51

Jürgen Jung und das Jahr des E-Book Hypes

Jürgen Jung und Christian von Zittwitz im Gespräch: Der Experte sieht 2009 nicht als Jahr des E-Books, sondern als Jahr des E-Book Hypes. Doch er macht Mut: Es gibt mehr Chancen als Kosten.

Herr Jung, seit dem Amazon-Vorstoß mit seinem Lesegerät Kindle ist das Angebot der Verlage an E-Books stark gewachsen.


Jung: Das sehe ich anders, das hat nur begrenzt mit dem Kindle zu tun. Die Verlage reagieren einfach darauf, dass mehrere Firmen E-Ink-Reader entwickelt haben und dabei auf einmal feststellen, wie groß die backstage wartende potentielle Leserschar mit ihren iPhones und der rasant zunehmenden Verbreitung von Smartphones ist. Es ist eine logische Folge, dass damit auch das Angebot an verfügbarem Content weiter wachsen wird.

Das Sonntagsgespräch - Jürgen Jung:Zielgruppe ist die große Schar der Zwischendurchleser
Jürgen Jung:
Zielgruppe ist die große Schar
der Zwischendurchleser
Stimmt denn die These, dass erst, als das Wort „Tinte“ in der Namensgebung der neuen E-Ink-Reader auftauchte, die Akzeptanz für solche Lesegeräte gekommen sei ?

Ganz so ist es nicht. Dennoch mussten die neuen Reader erst fast genauso aussehen wie ein Buch, um von der schon seit langem auf E-Books wartenden Leserschaft wahrgenomemn zu werden. Aber durch diese E-Ink-Technologie ist die Anzeige natürlich überragend.

Wer ist in Ihren Augen diese auf E-Books wartende Leserschaft?

Das sind Leute, die auch oder gerade in den mobilen Phasen des Alltags, also schnell mal zwischendurch, lesen wollen oder müssen. Diese Zielgruppe, und das ist in meinen Augen die Mehrzahl der wartenden Leserschaft, braucht nicht unbedingt einen Reader, ob von SONY oder von anderen, sondern sie wird auf anderen auch auf mobilen Endgeräten lesen. Und gibt es jetzt nicht auch eine neue Chance die Jugend mit Lesestoff z.B. via iPhone zu versorgen und damit einfach wieder mehr Leser zu gewinnen?

Das ist aber nur Ihre Vermutung?

Nein, das ist belegt. Allein der Stanza-Reader für das iPhone verzeichnet schon weit über 1 Mio. Downloads. Und das wird m.E. solange so bleiben, wie sich der Preis und die Leistungsfähigkeit der reinen E-Ink-Reader nicht deutlich verbessern. Dem Sony PRS 505 fehlt z. B noch eine einfache Volltextsuchfunktion, er hat dafür allerdings andere Stärken, etwa statische PDFs mittels seinem integrierten PDF-Viewer dem Anzeigebereich anzupassen. Damit wird zumindest die Lesbarkeit bei einfachen Texten verbessert.

Wie denken Sie über die Preisgestaltung für E-Books? Wir sprachen darüber vor ein paar Wochen im Sonntagsgespräch mit Michael Justus.

Diese Erfahrungen hat ja nicht nur Herr Justus gemacht. Ich sehe das für den Produktionsprozess, ebenfalls aus eigenen Erfahrungen, etwas anders. Er baut die Hürden hoch, ich sehe im Gegenteil Chancen für kleinere und mittlere Verlage. Fast habe ich das Gefühl, dass manche Meldungen über die zu erwartenden hohen Kosten bezüglich der E-Book-Produktion strategisch gesetzt sein könnten, um innovative Marktteilnehmer so lange wie möglich auf Distanz zu halten. Also, meine Empfehlung an die Verlage: Nicht zurückschrecken vor dem Start in das Angebot, denn die Kosten dafür müssen längst nicht so hoch sein, wie kolportiert

Aber Justus plädiert für eine realistischen Kalkulation.

Allen muss aber klar sein: Der gesamte Publikationsprozess wird sich demokratisieren. Unabhängige Autoren werden selbst produzieren können und haben nun auch die Chance, wahrgenommen zu werden. Bei vielen Verlagen besteht eine nicht mehr begründbare Scheu vor XML. Es gibt z.B. unsere XML-Workflows (formerSuite) die beim Schreiben der Texte anfangen und während des ganzen Produktionsprozesses aktiv sind, die fast vollständig im Hintergrund ablaufen und die Produktion nachhaltig unterstützen. Verlage können damit sehr schnell Produktionsprozesse unter Einbindung aller Beteiligten kosteneffizient optimieren sowie Print und E-Medien gleichzeitig bedienen.

Das ist jetzt nicht nur ein Werbeblock für Sie - Sie behaupten, durch die Verbesserung in den Produktionsabläufen würden die Kosten für die E-Books aufgefangen.

Ja, bei einer Anzahl von Produktgruppen wird durch den XML-First-Workflow die E-Book-Erstellung fast auf Knopfdruck ermöglicht. Damit ist nicht nur reine Belletristik gemeint, sondern ist auch das bis zu einer gewissen Komplexität strukturierte Fachbuch mit einbezogen.

Je nach Zielgruppe wird es wohl unterschiedliche Formate geben, in die konvertiert werden muss.

Ja, und nicht nur in die verschiedenen Formate, sondern auch noch unter Berücksichtigung der Anzeigefähigkeiten des benutzten E-Book-Readers. Z.B. müssen die Abbildungen für die Graustufendarstellung auf dem Sony-Reader entsprechend optimiert werden und andererseits kann auf dem iPhone mit dem Stanza-Reader ein hochaufgelöstes Farbbild hinterlegt sein, in das detailreich tief hineingezoomt werden kann. Für das schnelle Zwischendurchlesen auf einem mobilen Endgerät, das etwas mehr zurückgelehntere Lesen auf dem sperrigeren E-Ink-Reader oder das Lesen auf dem Computer werden sicher unterschiedliche Formate optimal sein. Aber auf der Grundlage einer XML-strukturierten Datenbasis wird ein solches Angebot ermöglicht.

Das heißt aber auch: Die Konvertierungsqualität wird sehr wichtig für die E-Book-Akzeptanz.

Auf dem Markt tummeln sich viele Konverter, die offensichtlich ganz einfach in die diversen E-Book-Formate konvertieren. Dies funktioniert aber nur bei einfachsten Texten. Die Akzeptanz beim Leser wird auch mit der Darstellungsqualität der angezeigten Daten zusammenhängen. Tabellen sollten stimmen, Abbildungen in das optimale Format konvertiert und passend positioniert sein, Listen nicht zerschossen werden, Inhaltsverzeichnisse müssen verlinkt sein, usw.

Gute Programme können das?

Eine gute, also auf XML-Daten basierende Datenstruktur kann dafür sorgen, dass ein gutes Programm den Content zielgerichtet für das avisierte Anzeigegerät ausformatieren kann. So können für die verschiedensten Produktgruppen eines Verlages Konvertierungsprogramme erstellt werden, die dann passen. Das Allerwichtigste und A und O ist die Qualität der Quelldaten. Darauf aufsetzend werden Konvertierscripts erstellt, die dann in den Produktionsworkflow integriert, automatisiert für eine qualitativ hochwertige Ausgabe sorgen können.

Apple wird wahrscheinlich den E-Book-Markt stark beleben?

Apple bewegt auch seine Konkurrenten, den E-Book-Markt zu beleben. Auf der in der vergangenen Woche in Barcelona zu Ende gegangenen Mobilfunk-Messe Mobil World war zu sehen, dass alle großen Handyhersteller iPhone-ähnliche Geräte anbieten werden. Also weg vom Mobilphone hin zum Smartphone.

Sie sagen, das iPhone und iPod touch sind schon heute die E-Book-Reader mit der größten Verbreitung.

Ja, zudem hat Apple Patente zum tablet-computing angemeldet. Apple könnte seinen iPod touch mit einem größeren Display versehen oder einen iPod-Tablet oder Ähnliches auf den Markt bringen und damit sowohl die Netbooks als auch die reinen E-Book-reader angreifen. Dafür spricht auch, dass Apple und Adobe jetzt punktuell als „Adobe-Digital-Editions E-Books mit DRM“ auf iPhone eng zusammenarbeiten. Adobe hat auf der Mobile-World Flash 10 für Smartphone-Betriebssysteme angekündigt. Das iPhone befindet sich nicht auf der Liste, obwohl vor drei Wochen der CEO von Adobe gerade dies als in Entwicklung begriffen angekündigt hat. Aber das Apple nicht in einem Aufwasch mit Handygeräteherstellern aufgeführt werden will, überrascht jetzt auch nicht wirklich.

Was heißt das dann?

Dass der bislang schon über 1 Mio mal downgeloadete Stanza-Reader ab dem zweiten Quartal 09 auch Adobe-drm-geschützte E-Books auf dem iPhone anzeigen können wird.
Im Rechtemanagement des Adobe Contentservers lassen sich u.a. auch die erlaubten Endgeräte zum Lesen des Contents einstellen. So kann ein Benutzer dann auf verschiedenen Endgeräten lesen. Und auf jedem wirkt das Rechtemanagement von Adobe Digital Editions.

Eine medienneutrale XML-Datenstruktur ist derzeit noch die Ausnahme?

Mit Ausnahme einer Anzahl Fach- und vereinzelter belletristischer Verlage haben die Verlage allerdings in der Vergangenheit wenig Aufmerksamkeit auf eine Produktion auf der Grundlage medienneutraler Daten gelegt. Diese uneinheitlichen und unstrukturierten Datenbestände gibt es jetzt nicht nur für die Backlist, sondern mit jeder neuen Titelproduktion kommen solche laufend hinzu. Und dadurch entstehen dann hohe Konvertierungskosten für E-Books oder für zukünftige Mehrfachverwertungen.

Wieso hat man nicht darüber nachgedacht?

Der Focus liegt bis heute auf der Printproduktion, und einem gedruckten Buch sieht man die dahinterliegende Datenqualität, Struktur und Datenorganisation nicht an. XML wird oft mit einer hohen Komplexität und hohen Initialaufwendungen verbunden. Aber die Zeiten haben sich geändert, die Innovationszyklen sind kürzer geworden. Und heute stehen Lösungen zur Verfügung, die sich nahtlos in bestehende Produktionsabläufe integrieren lassen.

Also gibt es noch Vieles im Hintergrund zu lösen?

Ja, meist sind die Daten in keinem Media-Asset-Management-System verfügbar oder es kommt dazu, dass die finalen Daten oft verstreut und bei den jeweiligen Lieferanten gespeichert sind. Das führt natürlich dazu, dass bei solch uneinheitlichen Daten- und Organisationsstrukturen eine Mehrfachnutzung für elektronische Produkte, also auch für E-Books, oft mit hohen Konvertierungs- und Beschaffungskosten belastet sind. Deswegen wird der Herstellungsworkflow, die Datenqualität und das Media-Asset-Management für Verlage jeder Größe von strategischer Bedeutung.

Das leuchtet ein, Verlage, die ihre Titel in Libreka einstellen, wissen um den Aufwand, den sie hatten

Ja, schon diese doch überschaubaren Libreka-Anforderungen zu erfüllen ist echter Aufwand. Doch jetzt gibt es erste Druckereien, die für die Aufbereitung der Daten für Libreka zertifiziert sind. Also für die nachträgliche Aufbereitung der Daten. Aber welcher Aufwand wird da erst für die nachträgliche Aufbereitung der Daten für E-Books anfallen?

Ihr Rat also?

Wichtig ist, dass beginnend bei den Quelldaten des Autors, über alle Korrekturläufe hinweg, immer im Hintergrund ein medienneutraler XML-Datenbestand mitgeführt wird. Dadurch ist nicht nur eine effiziente E-Book-Erstellung gewährleistet, sondern auch eine bedarfsgerechte Neuformatierung und eine kapitelweise Neuzusammenstellung von Büchern für den Printbereich oder für die E-Medien möglich. Parallel dazu sollten alle Daten in einem Media-Asset-Management-System für den Zugriff aller an den Produktionsprozessen Beteiligten verfügbar sein und dieses System muss gleichzeitig das Verlagsarchiv sein, aus dem heraus jederzeit neue Produkte generiert werden können. Das Ziel ist doch, aus dem Verlagscontent bedarfsgerecht neue Ausgabemedien formen und zusammenstellen zu können.

Darf sich ein PDF ohne Lesezeichen übrigens E-Book nennen?

Bei manchen Verlagen kaufen sie die Katze im Sack, denn es gibt keine Vorabinformationen über die Qualität des PDF-E-Books. So kann es passieren, dass die Dokumente wirklich keine Lesezeichenstruktur in den Quelldaten haben. Hier darf man gespannt sein, wie sich die vorerst auf PDF-Basis basierenden zukünftigen in Libreka verfügbaren E-Books präsentieren, wenn sie inhaltlich etwas komplexer aufgebaut sind.

Woran muss noch gedacht werden?

Ganz wichtig ist: Unsere Erfahrung zeigt, dass über 80% der Bücher ohne Acrobat-Lesezeichenstruktur gesetzt werden. Obwohl das fast mit jedem Satzprogramm möglich ist. Dadurch entsteht ein immenser Aufwand durch das nachträgliche Setzen der Lesezeichen. Denn nur bei einer relativ einfachen Struktur lassen sich die Lesezeichen nachträglich automatisch generieren. Der Sony PRS 505 hat noch nicht einmal die Möglichkeit, einfache Volltextsuchen auszuführen. Um so wichtiger sind die Lesezeichenstrukturen in den quelldaten. Ohne solche ist keine effiziente Navigation im E-Book möglich.

Und: Es fehlen noch die Szenarien für den Fall von defekten E-Book-Readern?
Können die Inhalte dann nochmals bezogen werden? Wo? Wie muss das nachgewiesen werden?

Und man muss daran denken, in den gedruckten Büchern auf zusätzliche E-Medien-Angebote hinzuweisen.

Ihr Fazit?

Durch die spätestens seit der Buchmesse 2008 oft hypeartige Berichterstattung über die E-Ink-Reader und E-Books gibt es auch bei der potentiellen Leserschaft eine hohe Sensibilität für dieses Thema. Die Tür ist jetzt offen, aber es kommt jetzt darauf an, dass nicht nur englischsprachige sondern auch übergreifend deutschsprachige E-Books in guter Qualität angeboten werden.
Die Reader-Technologie wird sich rasant weiterentwickeln, aus Mobilphones werden überwiegend universelle Smartphones werden, die Preise der Geräte werden sinken und je nach Lesegewohnheit und Mobilitätsbedürfnis wird der Anwender unter verschiedenen Readern auswählen.
Auf der Grundlage XML-strukturierter Daten können Verlage sowohl Print als auch die E-Medien in einem Produktionsprozess generieren.
Spätestens jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo Verlage vielleicht noch bestehende Berührungsängste mit neuen Technologien aufgrund des generierbaren Zusatznutzens beruhigt ablegen können.

Herr Jung, ich danke Ihnen für diesen spannenden Schnellkurs in die E-Book-Welt.

Jürgen Jung ist mit seiner in Lahnau beheimateten Firma Jung Crossmedia Publishing GmbH seit mehr als 30 Jahren Satz-, Konvertierungs- und Bildverarbeitungs-Dienstleister sowie IT-Lösungspartner für Verlage. Mit seinem Team aus Medienvorstufen-Spezialisten und Software-Entwicklern hat er seine Erfahrungen in die Entwicklung einer Produktfamilie gesteckt, mit der Verlage ihre Herstellungs- und Publikationsprozesse auf medienneutraler XML-Datenbasis optimieren können. Die modular aufgebaute Produktlinie heißt formerSuite
Praxistipp: Alles, was man über E-Books derzeit noch wissen muss: Arbeitshilfen für die Produktion und das Verlegen hier zum Download [mehr...]


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