Zum Wochenende 12.11.2008 15:27
Die 15 Phasen in der Gemütsverfassung eines Autors/einer Autorin beim Schreiben
Anfang November feierte der Kösel Verlag sein 415-Jähriges Jubiläum. Sabine Asgodom verfasste für die Feier eine ganz besondere Rede:
Mein Geschenk an Sie zum Jubiläum: Die fünfzehn Phasen in der Gemütsverfassung eines Autors/einer Autorin – erstmals enthüllt!
1. Phase: Die Selbstverliebtheit
– Der heftige Flirt mit der Idee, au ja, das wär was. Mit Leichtigkeit skizzierst du das geplante Buch, Verheißung macht sich breit, jeder Tag bringt einen neuen Aspekt, während eines Gesprächs musst du Zettelchen schreiben, während des Schmusens mit dem Liebsten fährst du plötzlich hoch, jetzt weiß ich…, muss ich sofort aufschreiben.
2. Phase: Die Prüfung
– Wird dein Konzept angenommen oder abgelehnt werden? Was heißt Konzept, werde ich, als Mensch mit Gefühlen, angenommen oder abgelehnt, wo ich doch mein Innerstes nach außen kehre, ich liefere mich eurem Beck-Messer aus. Bitte habt mich lieb. Eine elementare Situation. Endlich - der Vertrag wird ausgehandelt. Der Begriff „Vorschuss“ fällt, das Wort versöhnt. Du hast ein bisschen ein schlechtes Gewissen: Deine Lektorin denkt, nur weil du ein Konzept geschrieben hast, wüsstest du schon, was in diesem Buch stehen wird.
3. Phase: Die Euphorie
Der Vertrag ist unterschrieben, der Vorschuss wird angekündigt, wow, was ich mit dem Geld alles machen kann, jawohl, es lohnt sich. Jetzt muss ich mich erst einmal von dem Stress erholen und leben, ja leben! Und übermorgen fange ich an. Du glaubst, jetzt lässt dich der Verlag erst einmal ein paar Monate in Ruhe.
4. Phase: Die kalte Angst
– Der Vorschuss ist längst ausgegeben, das Auto musste zur Reparatur, die Zahnarztrechnung ist gekommen …, aber der Kopf ist leer; im Zettelkasten welken drei Post-it vor sich hin, vor lauter Verzweiflung reißt du Geschichten aus der Süddeutschen aus, schmeißt sie dazu. Panik ergreift dich. Eigentlich kann ich gar nicht schreiben. Die Lektorin ruft an und möchte ein erstes Probekapitel lesen. Kapitel, was ist das? Ich wäre froh, wenn ich einen Anfang hätte!
5. Phase: Die Aufräumorgie
Dir wird klar, Du musst dringend Ordnung schaffen, endlich eine Struktur reinbringen. Du reißt dich zusammen und fängst an: Als erstes wird mal die Sockenschublade aufgeräumt, bei dieser Unordnung kann einem ja kein klarer Gedanke kommen. Die Bücher stehen nicht nach Alphabet im Regal, dann Silber putzen und Garage aufräumen - die Bude blitzt, im Kopf herrscht immer noch Chaos. Die Nachfragen nach dem ersten Teil des Buches werden immer drängender. „Ich bin dran“, röhrst du mit dem Mut der Verzweiflung ins Telefon.
6. Phase: Die Rettung naht
– Das Hirn schickt erste Bilder, das Buch formt sich in deiner Vorstellung, du bekommst eine Struktur in deine Gedanken, die Zettel sind geordnet, jetzt kann es endlich losgehen. Die ersten drei Sätze, die ersten drei Seiten sind geschrieben, das Buch ist so gut wie fertig! Du traust dich, erstmals nach Wochen im Verlag anzurufen und gibst Vollzugsmeldung: „Ja, jetzt läuft es“. Rückfrage von der Lektorin: „Wieso jetzt erst? Ich denke, du bist fast fertig?“
7. Die Hochphase
Es schreibt aus dir heraus; die absolute Wonnephase, du schreibst Sätze, die du noch nie gedacht hast. Du sitzt mit halbgeschlossenen Augen am PC, und es fließt, du bist im Flow, eine höhere Macht hat dich ergriffen, die dir Zaubersätze in die Finger gleiten lässt. Es ist so einfach! Wie konnte ich jemals zweifeln? Es wird ein grandioses Werk, das hat die Weltgeschichte noch nicht gesehen. Die besten Absätze träumst du und musst sie morgens nur noch hinschreiben - sensationell!
8. Phase: Die Krise
– Du stellst alles wieder in Frage; alles zu banal, zu verquast, du kannst den Ansprüchen nicht genügen, eigentlich kannst du gar nicht schreiben. Tagelang geht es dir so: du setzt dich an den Computer, schreibst fünfzehn Zeilen, sinnierst darüber, löschst sie, beginnst von neuem; stehst eine halbe Stunden später wieder auf. Absolute Hirnleere. Du verschiebst den Abgabetermin um vier Wochen. Deine Lektorin nimmt das locker, diese Zeit hatte sie sowieso mit eingeplant. Aber sie möchte schon mal die Klappentexte mit dir durchsprechen. “„Mein Gott, glaubt ihr, dass ich keine anderen Sorgen habe?“ Die Pressefrau möchte die ersten Probekapitel an die Presse verschicken – „Tolle Chance, Vorabdruck!“ – Kreisch!
9. Phase: Die harte Arbeit
– Leichtigkeit war mal; du baggerst dich durch deinen Text, du erlebst ein Wechselbad zwischen Hochstimmung und Panikattacken; aber du weißt, jetzt geht es nicht mehr um Stilkritik, sondern ums blanke Überleben. Ein Gedanke hilft dir: Im Notfall muss ich halt den Scheiß-Vorschuss zurückzahlen, werde ich schon irgendwie schaffen. Du verschiebst den Abgabetermin nochmal um zwei Wochen, deine Lektorin reagiert uncool, ihre Stimme wird etwas quengelig: „Aber dann wirklich!“ Wenn sie wüsste, dass noch 100 Seiten fehlen, würde sie dich einsperren lassen, ins Verlies der vergessenen Dichter.
10. Phase: Die Vollendung
– Abgabe und anschließendes tiefes Loch; du bist acht Wochen zu spät, aber egal, Hauptsache der Käse ist endlich weg. Du bastelst die Kapitel zu einer Manuskript-Datei zusammen. So lange daran gearbeitet und jetzt nur noch „Send“. Das war’s. Du fällst in absolute Apathie. Mechanisch räumst du den Schreibtisch auf, liest in Manuskriptseiten hinein, graust dich; alle Aufzeichnungen klingen so banal. Du willst niemanden sehen, mit niemandem sprechen, eigentlich ist das Leben zu Ende. Dantes Inferno hat sich in eine Nullnummer aufgelöst.
11. Phase: Die Wartezeit
Warum melden die vom Verlag sich nicht? Hey, die haben jetzt schon eine Woche mein Manuskript. Was tun die den ganzen Tag? Du erwartest eigentlich die Katastrophenmeldung: „Frau Asgodom, also diesmal haben Sie echt Bullshit abgeliefert. Geht gar nicht.“ Aber Du hörst nichts. Horrorbilder erscheinen vor deinem inneren Auge: Hat die Lektorin aus Verzweiflung gekündigt, ist aus dem Fenster gesprungen, unbekannt verzogen? Du überwindest dich, rufst sie an, fragst ganz locker, fast nebenbei, nach: „Und, wie schaut’s aus? Schon mal einen Blick reingeworfen?“ Bitte, bitte, bitte!
12. Phase: Die Erleichterung
Was, das Manuskript ist durch? Nur noch drei vier Fragen, ansonsten prima? Du legst den Hörer auf und wirbelst durch die Wohnung, Felsbrocken hinter dir fallen lassend. Hey - heißt das, du kannst wohl doch schreiben? Oder hatten sie gerade nichts Besseres? Die denken, das Buch ist von A bis Z durchkomponiert. Wie auf dem Seidenfaden gereiht stehen die Buchstaben in gutem Deutsch von links oben nach rechts unten und ergeben Wörter, ganze Sätze. Du kannst es selber nicht fassen. Sollte aus dieser Mogelpackung wirklich so etwas wie ein „Werk“ geworden sein?
13. Phase: Die Erschöpfung
– Du bist völlig platt und schwörst dir: nie wieder ein Buch! Diese Quälerei brauchst du nicht noch einmal. Ab sofort genießt du nur noch dein Leben. Wer braucht schon diesen Stress? Freunde melden sich, ach ja, da war doch noch jemand? Raumschiff an Erde: Mission beendet, ich kehre wieder. Du kehrst langsam zurück ins Leben. Und triffst auf Fremde, die zwischendurch so banale Dinge gemacht haben wie heiraten, ein Kind kriegen, in eine andere Stadt umziehen, 40 werden, einfach leben. Leben, was war das nochmal?
14. Phase: Das Erscheinen
Das Buch kommt raus, du hältst es im Arm wie ein fremdes Kind – was, das habe ich geschrieben? Statt Euphorie stilles Betrachten. Ah, hier hätte ich doch noch,… Zweifel, Hoffnung. Und wenn das keiner lesen will?... Glücklicherweise gibt es jetzt die zweite Hälfte des Vorschusses. Das hellt deinen Gemütszustand vorübergehend auf. Immerhin. „Egal, ob sich der Schmarrn verkauft, das ist alles meins! Garantie, Garantie…“ (Du verdrängst total, dass diese Hälfte dem netten Herrn Steinbrück vom Finanzamt gehört). Das Geld füllt ein Teil des Abgrunds, der sich in dir aufgetan hat.
15. Phase: Der Stolz
– So schlecht ist das Buch wohl doch eigentlich gar nicht. Erstes Feedback kommt, Glückwünsche von deinen Hardcore-Fans, die erste gute Rezension bei Amazon. Der Verlagsleiter persönlich bedankt sich. Wow. Du gehst in die Buchhandlung, wenn du einen Tag frei hast, in mehrere Buchhandlungen. Da liegt es, da liegt es - mein Kind! Du legst ganz unauffällig einige Exemplare in Pole Position auf andere Stapel - sieht ja sonst keiner. Bitte um Entschuldigung, liebe Buchhändler, aber nehmt es als Geschenk: Die Autorin war persönlich im Haus! Eine Last fällt von dir ab. Tja, wusste ich gleich, das wird der Hammer. Und tief in deinem Inneren hörst du ein feines Grummeln: Ich hätte da schon wider eine Idee. Äh, liebe Lektorin, hör mal,… Und sie freut sich!
Ich liebe euch alle! Herzlichen Glückwunsch zum 415.!
Sabine Asgodom