Das Sonntagsgespräch
Buchmessedirektor Juergen Boos: Elektronische Lesegeräte nur ein Durchgangsstadium

Juergen Boos
Beim Blick auf den internationalen Markt sind viele Botschaften für den deutschen Markt erkennbar. Zum Auftakt zur Buchmessewoche führte buchmarkt.de ein Gespräch mit Messedirektor Juergen Boos.
Die Fragen stellte Matthias Koeffler.
buchmarkt.de: Sie haben den bemerkenswerten Job, Ihre Jahresleistung in einem Block von fünf Tagen unter Beweis stellen zu müssen, wie geht es Ihnen?
Juergen Boos: Mir geht es noch gut, obwohl meine Frau sagt, ich würde schon etwas blässlich aussehen.
Auf die Gesundheit hat sich der Job noch nicht geschlagen?
Nein, aber Nervosität ist schon da.
Was macht Sie nervös?
Nichts, das ist erst einmal das ganz normale Lampenfieber, das man vor jedem Gang auf die Bühne hat. Wir haben mit der Eröffnungsfeier schon ein riesen Rad zu stemmen. Wir sind komplett überbucht, das Interesse ist unglaublich groß. Wir haben die verschiedenen Sicherheitsinteressen zu berücksichtigen, insbesondere die des türkischen Staatspräsidenten. Wir mussten namentlich einladen und das hat zu einem erhöhten Interesse geführt. Das passiert, wenn Sie etwas verknappen müssen. Wir werden die Eröffnung parallel auf das Messegelände übertragen. Aber diese protokollarischen Aufgaben sind sehr zeitraubend. Das beschäftigt zwei Leute voll plus alle anderen, die immer wieder gefragt werden. Außerdem mussten wir alle auf dem Gelände unterbringen, das ist uns nun geglückt.
Hat das Thema Türkei Interesse geweckt? Steckt da eine Perspektive für den Handel drin?
Türkei ist ein Endkundenthema. Durch die 2,3 Millionen Türken in Deutschland gibt es ein politisches und ein Medieninteresse. Das Land mit etwa 80 Mio. Einwohnern ist ein potenzielles Leseland. Deutsche Verlage haben ein großes Interesse, Lizenzen in die Türkei zu verkaufen. In Deutschland erscheinen in diesem Jahr 350 Übersetzungen aus dem Türkischen. So viele hatten wir noch nie bei einem Ehrengast. Türkische Vereine in Deutschland haben Busse für die Anreise organisiert und die türkische Delegation ist 1000 Personen stark.
Mit der Türkei ist auch das Thema Islam verbunden, erwarten Sie Konflikte?
Die Messe ist dazu da, gegensätzliche Standpunkte auszutragen. Wir erwarten schon, dass es Diskussionen über die Kurden innerhalb der Türkei geben wird, ebenso über die Armenier in der Türkei und, trotz seiner neuen Form, den Paragraphen 301, in dem es um die Beleidigung der türkischen Nation geht. Wir erwarten Gespräche über die Rolle der Türken in Deutschland und über die Rolle der Türkei in Europa.
Wie steht es um die Sicherheit?
Boos: Da sehen wir keine Probleme, das erwarten auch die Sicherheitsbehörden nicht. Auf die Eröffnung mit Außenminister Frank-Walter Steinmeier, Staatspräsident Abdullah Gül und Orhan Pamuk haben sich die Sicherheitskräfte eingestellt. Da wird mit sehr viel Polizei zu rechnen sein.
Wieviel Gespräche gab es mit der Polizei im Vorfeld?
Die fanden auf unterschiedlichen Ebenen statt, ich selbst habe an drei großen Gesprächen mit Berliner, Frankfurter und Türkischen Sicherheitsbeamten teilgenommen. Aber das ist ein ganz normaler Vergang in der Vorbereitung der Buchmesse.
Blicken wir auf den deutschen Markt, worüber werden Sie sich den mit den Kollegen in der Branche unterhalten?
Wir erwarten natürlich intensive Diskussionen um die elektronischen Medien. Wahrscheinlich wird Amazon noch nicht die Einführung von Kindle ankündigen, aber Libreka! wird neue Entwicklungen vorstellen. Spannend wird sein, wie die Geschäftsmodelle für elektronische Produkte aussehen werden? Ich glaube, dass es keine Verdrängung wie in der Musikindustrie geben wird, sondern eine Ergänzung des Marktes, E-Books haben eher einen komplementären Effekt.
Wie wird das Thema international aufgenommen?
Das ist spannend. Im Gespräch mit südafrikanischen Branchenvertretern wurde deutlich, dass möglicherweise die elektronischen Lesegeräte nur ein Durchgangsstadium sind. In Ländern wie Südafrika können sich die Menschen die teuren Lesegeräte gar nicht leisten, aber dort gibt es schon Strategien für die Handys. In Südafrika gibt es eine der größten Handyverbreitungen auf dieser Welt. Verlage fangen jetzt schon an, Inhalte so aufzubereiten, dass sie die Endkunden erreichen. Kurze Sätze, kurze Artikel, Geschichten mit Fortsetzungscharakter, kurze formen wie Novellen, die erwarten einen Markt, in dem man Texte auf dem Handy liest. Korea und Japan machen es bereits vor.
Welche weitere Themen beschäftigen Sie?
Mich beschäftigen Themen auf unterschiedlichen regionalen Märkten. Die englischen Verleger treibt um, dass der Buchhandel sehr schwach geworden ist und die Ketten alles beherrschen. Da lassen sich kaum mehr hard cover absetzen. Der Kampf um den Preis pro Buch ist hart, wenn drei Bücher für zwei abgegeben werden. Das fördert ein Billigimage für das Buch. In den USA hatte die wirtschaftliche Erholung dafür gesorgt, dass es dem Bildungsmarkt besser ging, jetzt wird spannend, wie sich eine Wirtschaftskrise auf solch zarte Pflänzchen auswirkt. Jede Region hat ihre eigenen Themen. Wir haben bisher immer nach Asien geschaut, nach Indien und China und darüber den spanischsprachigen Markt vergessen, der sich von seiner Kaufkraft her sogar noch schneller entwickelt. Deshalb haben wir mit dem Institut Cervantes einen Kooperationsvertrag geschlossen. Wir erwarten, dass gerade in Südamerika verstärkt in Bildung investiert wird, spanisch wird auch in Nordamerika noch wichtiger.
Was können wir für die Konzentrationsprozesse lernen?
Es ist immer noch spannend, wie viele neue Verlage in Deutschland immer wieder entstehen, das ist im internationalen Vergleich keineswegs selbstverständlich. In anderen Ländern sind die wirtschaftlichen Risiken für Verlagsgründungen ganz anders. 3000 Buchhandlungen wie in Deutschland haben Sie fast nirgends auf der Welt. Das bietet eine andere Plattform. Es zeigt: Wenn in Deutschland Buchhandlungen sterben, dann wird der Markt nicht verlagert, sondern er verkleinert sich.
Bietet die Preisbindung überhaupt noch einen Schutz?
Tatsächlich gibt es hier ähnliche Tendenzen der Konzentration, aber die Preisbindung gibt uns die Möglichkeit, die Weichen rechtzeitig zu stellen, so dass sich die Unternehmen rechtzeitig spezialisieren können. Das sollten sie nutzen. Die Spezialanbieter können die Vielfalt erhalten. Und um zu Ihrer Frage zuvor zurück zu kehren, was wir lernen können: In den USA kann sich in den Städten noch ein rein literarisches Angebot erhalten, aber auf dem Land wird der Umsatz immer mehr mit Zusatzsortimenten gemacht. Das spiegelt sich auch in Deutschland wieder. In Städten mit 50000 Einwohnern werden die Papierwaren wiederentdeckt. Wenn ich sehe, wie groß der Anteil der Non-Books auf der Messe ist und wie dieser wächst, dann zeigt das, dass immer stärker ein gemischtes Sortiment entstehen wird wie auch in angloamerikanischen Ländern.
Die Buchmesse ist ja auch zunehmend ein Gemischtwarenladen, Film, Computerspiele, Non-Books, Dienstleister, der Auftritt der Elektronikanbieter, die diesen Markt bald mitbestimmen werden. Ist das überhaupt noch eine Buchmesse oder ist das nicht vielmehr eine Content-oder Medien-Messe? Müssten Sie die Messe nicht umbenennen?
Je mehr sich die Branche zu den Rändern hin öffnet, desto interessanter wird es auf der Buchmesse. Ich denke nicht, dass wir uns umbenennen müssen. Buch steht für Inhalt und zwar für einen qualitativen Inhalt. Aber es geht nicht nur um Lesegeräte, nehmen Sie den Markt der Computerspiele, bei dem sich die Hersteller auf die Kunden im Alter über 30 einstellen: Dort werden vielfältige Produkte für das Edutainment entwickelt, das ist eine Klientel, die klassischerweise vom Buch her kommt. Das Thema Edutainment wird einen Platz bei uns auf der Messe finden und in den nächsten zwei Jahren sehr stark wachsen. Oder betrachten Sie den Film. Durch das digitale Fernsehen ist ein massiver Bedarf an Inhalten entstanden. Etwa 30 Prozent der Holywood-Filme beruhen auf literarischen Vorlagen, die zuerst als Buch erscheinen. Dieser Faktor scheint zu steigen und zwar vor allem im Fernsehbereich.
Dann müsste es Zuwächse bei den Rechte-Verkäufen geben.
So ist es. Unser Rechte-Bereich ist in diesem Jahr überproportional gewachsen. Die Verwertungsketten werden wesentlich breiter. Autor, Verlag und Buchhandel ist längst nicht mehr die einzige Kette, sondern da existieren viele Kanäle nebeneinander.
60 Jahre ist ja kein wirkliches Jubiläum für eine Messe eher ein Durchgang zur 75 hin. Wie sieht die Messe in 15 Jahren aus?
Wenn ich bedenke, dass ich Lizenzverträge noch mit vier Durchschlägen an der Schreibmaschine getippt habe, dann hat sich schon vieles entwickelt, da kann man schon mal zurückblicken. Mit dem Internet ist aber noch lange nicht Schluss, jetzt werden sich die Inhalte verändern. Aber bei allen Entwicklungen: Die Messe wird sich nicht verändern, sie wird so bleiben wie die Branche sie braucht. Inhalte werden immer im Mittelpunkt stehen, egal auf welchen Trägermedium: Ob auf Papier, oder auf einem digitalen Speicher, das ist sekundär. Die wichtigen Themen werden Copyright und intelectual property sein, und mit denen werden wir uns viel stärker beschäftigen müssen.
Also doch Medienmesse?
Es ist eine Medienmesse. Aber diese Messe ist etwas Besonderes, weil das Buch ein Phänomen ist. Es bedeutet, dass ich einen Inhalt habe, den ich nur verstehen kann, wenn ich mich länger damit beschäftige. Im Internet sehe ich Ausschnitte und lese meine fünf Zeilen. Ein Buch ist vielfältiger, weil es der Phantasie viel Raum gibt. Und Frankfurt ist der einzige Platz auf der Welt, wo man diese Vielfalt sehen kann. Aber noch mal: Die Buchmesse ist gerade in digitalen Zeiten ein wichtiger Ort. Weil es um das persönliche Treffen geht, dabei entsteht Vertrauen von den Filmleuten bis hin zu Spieleanbietern. Und gerade in Zeiten des Umbruchs wie derzeit ist Vertrauen durch das persönliche Gespräch unendlich wichtig.
Nun machen sich auch andere Messegesellschaften wie Reed auf und bieten Konkurrenz, Ihr Engagement in London hat nicht geklappt, Wien hätte auch die Frankfurter Buchmesse ausrichten können…
Unsere Größe erreicht keine andere Messe, wir haben rund 2000 Verlage aus der englischsprachigen Welt, in London sind es weniger. Frankfurt ist die Mutter der Messen, die meisten wurden mit unserer Hilfe gestartet, das begann lange zuvor unter Peter Weidhaas. Wir arbeiten selbstverständlich mit London zusammen. Dort sind wir einer der größten Einzelaussteller. In Wien hat das Messegelände einen Exklusivvertrag mit Reed. Wir haben mit den österreichischen Kollegendas Projekt diskutiert. Reed ist eine börsennotierte Aktiengesellschaft, die Frankfurter Buchmesse dagegen hat eine andere Struktur, wir sind Wirtschaftsbetrieb des Börsenvereins und uns geht es darum, das beste für die Branche zu erreichen. . Wir bringen den kulturellen und politischen Aspekt mit ein. Das ist unsere Rolle.
Wird Reed durch seinen wirtschaftlichen Druck nicht innovativer, muss man da also hingucken?
Sicher muss man da hingucken. Aber wir sind näher am Markt dran durch die Vielfalt, die wir bieten können. Wir haben Weiterbildungsprogramme, die wir mit dem Goethe-Institut anbieten und die über die lateinamerikanischen Länder bis nach China reichen, wo wir Verleger beraten. Wir sind vernetzt und haben Glaubwürdigkeit, weil alle wissen, uns geht es nicht um das Geld. Die Agenten der Welt gucken nach Deutschland, weil wir das vielfältigste Verlagswesen und die beste Handelsstruktur haben.
Müsste dann der Lizenzverkauf deutscher Bücher nicht besser sein als der amerikanische? Die Realität ist umgekehrt.
Das Problem ist die englischsprachige Welt, Franzosen, Italienern und anderen gelingt es noch viel weniger Lizenzen dorthin zu verkaufen. Übersetzungen werden in den angloamerikanischen Ländern viel zu wenig eingekauft.
Das heißt, wir sollten uns mehr auf die anderen Märkte konzentrieren?
Ich würde als Verleger eher auf die spanischsprachigen und asiatischen Märkte schauen. Beispiel China, unser Ehrengast im nächsten Jahr. Gehen Sie mal in eine chinesische Buchhandlung, dort gibt es fast alle deutschen Philosophen und Soziologen auf chinesisch, das Interesse an Deutschland ist riesig. Darauf müssen wir aufsetzen. Wir dürfen nicht immer nach innen schauen. Wir müssen die Chancen nutzen.
Sind die Verlage zu wenig aktiv?
Ja, definitiv. Man muss präsent sein. Die Verleger müssen rausgehen. Und Frankfurt ist ein Platz für die Kontakte. Wir stellen Adressen bereit. Wir haben nicht umsonst Büros in Peking, Moskau, New York und Neu Dehli: Da ist eine Struktur, die man viel, viel mehr nutzen müsste.
Gibt es zu wenig Agenten, die Lizenzen ins Ausland vermitteln?
Wir sehen eine neue Generation von Agenten, die dieses Geschäft entdeckt hat. Da entsteht ein neuer Trend. Besonders im spanisch-sprachigen Markt hat sich viel getan, aber auch in der arabischen Welt und erste Büros haben in China eröffnet. Es gibt immer mehr junge Leute mit Agenturerfahrung, die diesen Markt zunehmend besetzen.
Haben die amerikanischen Agenten den internationalen Markt besser im Griff als deutsche?
Wahrscheinlich nicht. Nur ist die amerikanische Literatur international leichter verkäuflich als die deutschsprachige Literatur. Ich denke, dass das Thema Übersetzungsförderung an Stärke gewinnen muss. Wir müssen im Ausland auch einen Markt für Übersetzungen schaffen, so dass Interesse entsteht und Übersetzer auch davon leben können.