Interviews
- Joachim Unseld: Die Zukunft des belletristischen Verlegens in den Zeiten von E-Books

Joachim Unseld
Lesen wir in Zukunft Romane am Lesegerät? Vorteile hätte es: keine Eselsohren oder Fettflecke kommen ins Buch, der Wind kann (wenn wir draußen lesen) die Seiten nicht mehr verblättern. – Alles keine schlagenden Argumente für den neuerdings wieder heraufbeschworenen Showndown für’s gedruckte Buch, mein der Verleger der
Frankfurter Verlaganstalt,
Dr. Joachim Unseld. buchmarkt.de hat ihn zum Thema auf der Messe getroffen und befragt.
buchmarkt.de: Seit Amazon in Amerika das Lesegerät Kindle verkauft, wird wieder einmal der Showdown fürs Buch ausgerufen. Sehen auch Sie das Ende des Printzeitalters?
Joachim Unseld: Warum? Das Buch ist ein derart idealer Vermittler unserer kulturellen Werte, praktisch zu handhaben, quasi unzerstörbar, ewig lagerbar und sogar ein tolles herzeigbares Geschenk. So ausgereift für seinen Zweck wie ein Korkenzieher für den seinen.
buchmarkt.de: Wäre das E-Book mit der weitreichenden Vermeidung von Druck-, Binde-, Lager- und Logistikkosten nicht sogar ein Segen für kleinere Verlage, die sich ja selten durch besondere Solvenz auszeichnen?
Joachim Unseld: Nein, auf keinen Fall, da das E-Book nicht das physische Buch ersetzen wird (kein gestandener Auto dockt bei einem Verlag an, der einem "nur" ein E-Book anbietet, das kann er sogar selbst). Aber das E-Book wird in absehbarer Zeit die Auflagen für das physische Buch schrumpfen lassen, und kleinere Auflagen kommen die Verlage dann teuer zu stehen. Frage dann, ob sich das Unternehmen "Literatur" überhaupt noch lohnen wird.
buchmarkt.de: Ist das ganze Thema nicht auch eher eine Generationengeschichte? Wir haben früher unsere Texte handschriftlich gemacht und dann abgetippt und korrigiert und wieder abgetippt und konnten es uns nie vorstellen, gleich in die Maschine zu schreiben. Heute geht es gar nicht mehr anders. Könnte das mit dem Leseverhalten nicht ähnlich sein?
Joachim Unseld: Das Leseverhalten wird sich verändern, hat sich eigentlich fast unmerklich bereits verändert. In der nächsten Generation, die jetzt heranwächst, werden Informationen und Inhalte mit großer Sicherheit zuallererst im Netz gesucht werden. Ob dies aber auch für die Gattung Literatur, und dort speziell für Romane gilt, bezweifele ich.
buchmarkt.de: Meine These: Es wird immer einen Markt für das gutgemachte Buch geben, aber „schnelles Lesefutter" und alles, was in den Bereich Nachschlagen und Wissensvermittlung geht, wandert in Richtung Lesegräte ab. Sehen Sie das ähnlich?
Joachim Unseld: Das gutgemachte Buch ist genau das, was überleben wird. Wir sollten Bücher schöner und auch aufwendiger gestalten, mit Liebe zum Gegenstand sozusagen. Dazu gehört aber auch, dass die Verlage einmal ernsthaft über die jetzigen, viel zu niedrigen Buchpreise nachdenken: Denn in den letzten 20 Jahren ist der Ladenpreis eines Buches nicht nur keinen Pfennig oder Cent gestiegen, sondern faktisch gefallen, und das bei steigenden Preisen ringsherum! Mit einem solchen "Aushungern" kann man auf Dauer aber keine Buchqualität schaffen.
buchmarkt.de: Mit dem zu erwartenden Zuwachs an E-Books braucht eigentlich der Handel auch nicht mehr so riesige Flächen, wie sie gerade von Filialisten sehr langfristig angemietet werden. Setzt sich auf dem Gebiet der Strukturwandel fort?
Joachim Unseld: Buchhandlungen werden weiter physische Bücher präsentieren, denn der Leser will stöbern, sich vom Angebot verführen lassen. Buchhandlungen werden natürlich auch sehen, wie sie von einem möglichen E-Book-Markt profitieren können. Hier gibt es bereits Vorreiter wie die Mayersche in Düsseldorf, wo man sich im Buchladen E-Books herunterladen kann.
buchmarkt.de: Was wird anders im Vertrieb von elektronischen Büchern?
Joachim Unseld: Das E-Book ist undinglich, wird also logischerweise auf eine völlig andere Art und Weise distribuiert und verkauft werden als das physische Buch.
buchmarkt.de: Lektoren sind begeistert vom Kindle, da kann man Manuskripte lesen und redigieren.
Joachim Unseld: Der unbestrittene Vorteil des Kindle ist, dass man mühelos Tausende von Seiten mit auf die Reise nehmen kann. Unschätzbarer Gewichtsvorteil gerade für Lektoren z.B. für die Lektüre von Stapeln unverlangt eingesandter Manuskripte, und papiersparend, da man die ja noch nicht einmal mehr ausdrucken müsste, wenn sie digital eingegangen sind.
buchmarkt.de: Können Sie sich vorstellen, dass die FVA demnächst auch Texte als E-Books veröffentlicht?
Joachim Unseld: Natürlich, wir sind schon in der Vorbereitung.
buchmarkt.de: Haben Sie schon ein Lesegerät oder sich Sie wenigstens neugierig, mal eins in den Händen zu halten?
Joachim Unseld: Nein, ich habe noch keins, ich will mich aber mit der neuen Technik nächstens einmal vertraut machen.
Die Fragen stellte Ulrich Faure.