Umfrage
Politische Sachbücher im Zeichen von E-Books – nur noch die Genussdauer einer Zeitschrift?
Wie schnell muss man heute sein, um im Marktsegment Politisches Sachbuch noch mitspielen zu können? Was sind die Themen des Jahres, und braucht man Sachbücher überhaupt noch gedruckt? buchmarkt.de hat zur Messe nachgefragt.

Dietrich zu Klampen
Dietrich zu Klampen, Verleger
buchmarkt.de: Wie schnell muss man heute sein, um im politischen Sachbuch noch mitspielen zu können? Ganz konkret: Sollte Obama die Wahlen verlieren, könnte man einen Tag nach der Niederlage noch seine Biografie verkaufen?
Dietrich zu Klampen: Nach unserer Erfahrung ginge das nicht. Wir haben schon vor Jahr und Tag die einzige Sozialgeschichte des Asylrechts herausgebracht, mussten aber die Übersetzung noch einmal überarbeiten, verspäteten uns demzufolge, kamen genau am Tag der Asylrechtsänderung heraus – und konnten kaum ein Buch verkaufen, weil die Debatte von heute auf morgen versiegt war. Da half auch nicht, dass das Buch auf Platz 1 der Sachbuchbestenliste kam. Da sich der Buchmarkt beschleunigt, dürfte das heute noch extremer sein.
buchmarkt.de: Was sind Ihrer Meinung nach die politischen Schwerpunktthemen dieses Herbstes?
Dietrich zu Klampen: Als kleinerer Verlag versuchen wir gar nicht erst, den sich immer schneller wandelnden Themenmoden nachzujagen. Wir wollen Bücher machen, die politisch relevant und möglichst thesenreich und provokant sind. Die Modebücher sind etwas für Großverlage.
buchmarkt.de: Besteht nicht die Gefahr, dass in heutiger Zeit die politischen Sachbücher sich auf die Genussdauer einer Zeitung einpendeln?
Dietrich zu Klampen: Ja, die Lebenszeit der politischen Sachbücher verkürzt sich zusehends. Aber glücklicherweise gibt es noch genügend Ausnahmen, die sich quasi den Rang eines Standardwerkes erobert haben. Die lassen sich auch über Jahre verkaufen.
buchmarkt.de: Beim Arbeiten unter solchen Zeitdruck – ist da überhaupt noch ordentliches Lektorat möglich?
Dietrich zu Klampen: Weil wir uns dem Zeitdruck nicht beugen, arbeiten wir lange und intensiv im Lektorat. Ob das dann ordentlich ist, mögen Andere beurteilen.
buchmarkt.de: Wäre das E-Book nicht ein perfekt-schnelles Medium für sich schnell verändernde politische Inhalte?
Dietrich zu Klampen: Ja, allerdings nicht nur dafür. Dem E-Book ist es ja egal, ob es den ollen Goethe oder ein aktuelles Sachbuch gespeichert hat. Es dürfte nur noch bequemer werden, sich aktuelle Bücher zu beschaffen: per Funk auf den Ebookreader! Das ist wirklich schwer zu überbieten!
buchmarkt.de: Was verkauft sich derzeit am besten: Biografien, Überblicksdarstellungen, Historisches, Gegenwärtiges?
Dietrich zu Klampen: Da sich unsere politischen Sachbücher nicht so umstandslos in die genannten Rubriken einordnen lassen, können wir dazu keine verlässliche Auskunft geben. Wir freuen uns aber, dass sie sich trotzdem gut verkaufen lassen.

Ulrich Hopp
Ulrich Hopp: Verleger be.bra verlag mit den Imprints edition q, japan edition, berlin edition, berlin.krimi.verlag und dem be.bra wissenschaft verlag
buchmarkt.de: Wie schnell muss man heute sein, um im politischen Sachbuch noch mitspielen zu können? Ganz konkret: Sollte Obama die Wahlen verlieren, könnte man einen Tag nach der Niederlage noch seine Biografie verkaufen?
Ulrich Hopp: Ja, aber nur an diesem einen Tag noch!
buchmarkt.de: Was sind Ihrer Meinung nach die politischen Schwerpunktthemen dieses Herbstes?
Ulrich Hopp: Auf jeden Fall der Zustand der SPD und natürlich die zunehmende Bedeutung der Linken. Die bevorstehenden Bundestagwahlen werfen natürlich Ihren Schatten voraus.
buchmarkt.de: Besteht nicht die Gefahr, dass in heutiger Zeit die politischen Sachbücher sich auf die Genussdauer einer Zeitung einpendeln?
Ulrich Hopp: Man muss hier unterscheiden zwischen politischen Biografien und Sachbüchern: eine Biografie ist von der politischen Karriere abhängig, also schnelllebig – ein Sachthema hält sich da doch länger.
buchmarkt.de: Beim Arbeiten unter solchen Zeitdruck – ist da überhaupt noch ordentliches Lektorat möglich?
Ulrich Hopp: In deutschen Verlagen wird sehr verantwortungsvoll mit Texten umgegangen und die entsprechenden Lektorate sind Zeitdruck gewohnt.
buchmarkt.de: Wäre das E-Book nicht ein perfekt-schnelles Medium für sich schnell verändernde politische Inhalte?
Ulrich Hopp: Das kann vielleicht in ein bis zwei Jahren der Fall sein, aber derzeit ist die Zahl der E-Book-Besitzer doch noch zu gering.
buchmarkt.de: Was verkauft sich derzeit am besten: Biografien, Überblicksdarstellungen, Historisches, Gegenwärtiges?
Ulrich Hopp: Überblicksdarstellungen.

Uwe Naumann
Foto: Hergen Schimpf
Dr. Uwe Naumann, Leitung Lektorat Sachbuch Rowohlt
buchmarkt.de: Wie schnell muss man heute sein, um im politischen Sachbuch noch mitspielen zu können? Ganz konkret: Sollte Obama die Wahlen verlieren, könnte man einen Tag nach der Niederlage noch seine Biographie verkaufen?
Uwe Naumann: Man muss verdammt schnell sein - und die Öffentlichkeit, die Leser schert es (zu recht) nicht im Geringsten, ob irgendein Verlag noch einige tausend Exemplare eines Buches am Lager hat zu einem Thema, das gestern interessant war. Wer erinnert sich denn heute noch an John Kerry?
buchmarkt.de: Was sind Ihrer Meinung nach die politischen Schwerpunktthemen dieses Jahres?
Uwe Naumann: In Amerika wird ein neuer Präsident gewählt, und in Deutschland sind in einem Jahr Bundestagswahlen - beides wird sich in zahlreichen Büchern widerspiegeln. Und viele Menschen wollen etwas lesen über die gesellschaftlichen Probleme, die auf der Hand liegen - zum Beispiel die Bankenkrise, die schleichende Verarmung von Teilen der Bevölkerung.
buchmarkt.de: Besteht nicht die Gefahr, dass in heutiger Zeit die politischen Sachbücher sich auf die Genussdauer einer Zeitung einpendeln?
Uwe Naumann: Das Medium Buch ist notgedrungen langsamer als Zeitungen, Zeitschriften und TV-Magazine oder Talkshows. Wir haben ja mit „rowohlt aktuell“ lange Zeit die erfolgreichste Reihe mit politischen Sachbüchern herausgebracht. Aber diese Reihe wurde schon vor Jahren eingestellt, sie konnte mit dem Tempo anderer Medien einfach nicht mehr mithalten. Für einen Buchverlag gibt es nur eine Konsequenz: Wir müssen auf qualitativ herausragende Autoren setzen, deren Bücher dauerhaft haltbar sind - wie Hans Leyendecker, Herfried Münkler oder Daniela Dahn zum Beispiel.
buchmarkt.de: Beim Arbeiten unter solchem Zeitdruck - ist da überhaupt noch ordentliches Lektorat möglich?
Uwe Naumann: Das ist in der Tat ein Problem - zumal der Buchlektor in der Regel ein einsamer Einzelgänger ist, während andere Medien ganze Redaktionen oder Dokumentations-Abteilungen hinter sich haben. Man muss sich nur einmal den Abspann von politischen Sendungen anschauen, welche Heerscharen von Mitarbeitern dort genannt werden - ein Buchautor hat in der Regel einen einzigen Helfer, seinen Lektor.
buchmarkt.de: Wäre das E-Book nicht ein perfekt schnelles Medium für sich schnell verändernde politische Inhalte?
Uwe Naumann: Das E-Book steht noch ganz am Anfang, die Konzepte sind bisher nicht wirklich ausgereift. Vor allem aber: Wozu braucht der politisch Interessierte ein „Book“, wenn er über Online-Magazine, Blogs usw. viel schneller an Informationen kommt?
buchmarkt.de: Was verkauft sich derzeit am besten: Biografien, Überblicksdarstellungen, Historisches, Gegenwärtiges?
Uwe Naumann: Biografien werden immer gelesen, wenn sie gut geschrieben sind und Neues zu bieten haben - unsere Bücher über Helmut Schmidt und Marion Dönhoff zum Beispiel finden in diesem Herbst viele Leserinnen und Leser. Und nächstes Jahr ist ein Humboldt-Jahr! Wir bringen eine Doppelbiografie der Humboldt-Brüder heraus von Manfred Geier, dessen Kant-Biografie vor einigen Jahren unter bis unter die Top Ten der Bestsellerliste kam.
Ansonsten verkaufen sich nach wie vor Autoren besonders gut, wenn sie aus dem Fernsehen hinlänglich bekannt sind - dann ist es gleich, ob sie über historische Themen schreiben wie die Romantik oder aber in der Gegenwart bleiben und sonst wohin pilgern. Und seit einiger Zeit haben humoristische, „schräge“ Sachbücher hohe Konjunktur. Ich sage nur: Die Leber wächst mit ihren Aufgaben...

Christoph Links
Christoph Links, Verleger Chr. Links Verlag
buchmarkt.de: Wie schnell muss man heute sein, um im politischen Sachbuch noch mitspielen zu können? Ganz konkret: Sollte Obama die Wahlen verlieren, könnte man einen Tag nach der Niederlage noch seine Biografie verkaufen?
Christoph Links: Wer als Buchverleger versucht, mit den Zeitschriften oder gar dem Internet um die Wette zu laufen, hat von vorn herein verloren. Politische Sachbücher haben nur dann eine Chance, wenn sie Hintergründe und Zusammenhänge erklären, die man bei den schnellen Informationen vermisst und die über den Tag hinaus von Bestand sind.
buchmarkt.de: Was sind Ihrer Meinung nach die politischen Schwerpunktthemen dieses Herbstes?
Christoph Links: Wie eigentlich in jedem Herbst gibt es wichtige internationale politische Brennpunkte, die es auszuleuchten lohnt – bei uns sind das der Umbruch in Kuba, die Entwicklung in der Türkei, speziell am Ararat, und die Welteroberungspläne von Scientology – und stehen innenpolitische Probleme an, neben dem Rechtsextremismus ist das bei uns beispielsweise der angemessene Umgang mit der jüngsten deutschen Geschichte und die Verklärung der DDR.
buchmarkt.de: Besteht nicht die Gefahr, dass in heutiger Zeit die politischen Sachbücher sich auf die Genussdauer einer Zeitung einpendeln?
Christoph Links: siehe erste Antwort
buchmarkt.de: Beim Arbeiten unter solchen Zeitdruck – ist da überhaupt noch ordentliches Lektorat möglich?
Christoph Links: Auch wenn man aktuelle Themen behandelt, muss ein gründliches Lektorat oberste Priorität behalten und darf nicht dem Zeitdruck geopfert werden. Gerade bei politisch heiklen und juristisch sensiblen Themen würde man sich sonst nur eigene Probleme bereiten.
buchmarkt.de: Wäre das E-Book nicht ein perfekt-schnelles Medium für sich schnell verändernde politische Inhalte?
Christoph Links: Auch ein E-Book muss gewissenhaft bearbeitet werden, denn durch die Beweislastumkehr im deutschen Medienrecht bleibt die Verantwortung des Verbreitenden, also des Verlegers, genauso groß wie die des behauptenden Autors. Die zwei Wochen Druckzeit sind dann das geringste Problem.
buchmarkt.de: Was verkauft sich derzeit am besten: Biografien, Überblicksdarstellungen, Historisches, Gegenwärtiges?
Christoph Links: Nach unserer Erfahrung gibt es ein ungebrochenes Interesse an populären geschichtlichen Darstellungen, egal ob zur deutschen Nachkriegsgeschichte, zur NS-Geschichte oder neuerdings auch zur Kolonialgeschichte. Aktuell-politische Debattenbände laufen dagegen schnell Gefahr, von anderen Medien überholt zu werden. Biographien, die in anderen Verlagen gut laufen, sind bei uns eher selten Bestseller.

Peter Sillem
Dr. Peter Sillem, Programmleiter Sachbuch/Wissenschaft S. Fischer Verlag / Fischer Taschenbuch Verlag
buchmarkt.de: Wie schnell muss man heute sein, um im politischen Sachbuch noch mitspielen zu können? Ganz konkret: Sollte Obama die Wahlen verlieren, könnte man einen Tag nach der Niederlage noch seine Biografie verkaufen?
Peter Sillem: Da wir auf der Suche nach Büchern mit einer möglichst langen Lebensdauer sind, ist Schnelligkeit nur ein Kriterium unter mehreren. Aber sie spielt natürlich insofern eine Rolle, als im Falle von Übersetzungen die Originalbücher sehr schnell greifbar sind und gerne rezensiert werden, bevor die deutsche Ausgabe auf dem Markt ist. Und außerdem freut es einen natürlich immer, das erste Buch zu einem Thema zu haben.
buchmarkt.de: Was sind Ihrer Meinung nach die politischen Schwerpunktthemen dieses Herbstes?
Peter Sillem: Vordergründig die Wahlen in den USA, die Bankenkrise und ihre Folgen, schließlich immer noch die Geschichte der RAF. Es bleiben uns aber die anderen großen Themen erhalten: Klima in allen Facetten, Bildung, das Zusammenleben der Kulturen, die Zukunft der Demokratie, der Pflegenotstand, der ‚Krieg gegen den Terrorismus’ und viele andere mehr.
buchmarkt.de: Besteht nicht die Gefahr, dass in heutiger Zeit die politischen Sachbücher sich auf die Genussdauer einer Zeitung einpendeln?
Peter Sillem: Warum sollte ein politisches Sachbuch keinen Bestand, keine Dauer haben? Politische Sachbücher sollen ja nicht in Konkurrenz zu Zeitungen und anderen tagesaktuellen Medien treten, sondern über sie hinausgehen, Hintergrund, Zusammenhang, Analyse liefern. Denken Sie an Bücher wie die von Naomi Klein über den Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus, Carolin Emcke über die RAF, Harald Welzer über die kommenden Klimakriege, Klaus Brinkbäumer über den Ansturm und das Schicksal der Flüchtlinge aus Afrika, Wolfgang Prosinger über Sterbehilfe oder auch an Tim Weiners große Geschichte der CIA. Bücher, die uns helfen, unsere Zeit zu verstehen, veralten nicht von heute auf morgen.
buchmarkt.de: Beim Arbeiten unter solchen Zeitdruck – ist da überhaupt noch ordentliches Lektorat möglich?
Peter Sillem: Wenn Bücher sehr schnell erscheinen müssen, tun sie es häufig unter erschwerten Bedingungen. Dennoch setzen wir alles daran, keine Zugeständnisse in der Qualität zu machen. Fehler können sich trotzdem immer einmal, auch unter normalen Produktionsumständen, einschleichen, davor ist man leider nie ganz gefeit.
buchmarkt.de: Wäre das E-Book nicht ein perfekt-schnelles Medium für sich schnell verändernde politische Inhalte?
Peter Sillem: Wie gesagt: Die Inhalte von politischen Sachbüchern sind für mein Verständnis nicht zwingend tagesaktuell, im Gegenteil. Insofern sehe ich das E-Book als ein interessantes zusätzliches Medium für dieses Genre genau wie für viele andere auch.
buchmarkt.de: Was verkauft sich derzeit am besten: Biografien, Überblicksdarstellungen, Historisches, Gegenwärtiges?
Peter Sillem: Ich scheue mich vor Verallgemeinerungen, denn ich glaube, das richtige Buch des richtigen Autors zum richtigen Thema hat immer Chancen, sich gut zu verkaufen.

Tobias Heyl
Dr. Tobias Heyl, Sachbuch-Lektorat Carl Hanser Verlag
buchmarkt.de: Wie schnell muss man heute sein, um im politischen Sachbuch noch mitspielen zu können? Ganz konkret: Sollte Obama die Wahlen verlieren, könnte man einen Tag nach der Niederlage noch seine Biografie verkaufen?
Tobias Heyl: Wir gehen davon aus, dass unser Autor Obama die Wahl gewinnt. Sollte es anders kommen, wird das Interesse an seiner Person natürlich zurückgehen. Beim politischen Sachbuch ist sicher nicht das Tempo das entscheidende Kriterium, denn da hat das Buch gegenüber der traditionellen Presse und dem Internet sowieso keine Chance. Entscheidend ist die Kompetenz des (prominenten) Autors oder die Prägnanz einer bestimmten These.
buchmarkt.de: Was sind Ihrer Meinung nach die politischen Schwerpunktthemen dieses Herbstes?
Tobias Heyl: Weiterhin die Folgen des 11. September im weitesten Sinne, dazu die Präsidentschaftswahlen in den USA und die Frage, wie sich die deutsche Gesellschaft zu den bereits umgesetzten und den noch ausstehenden Reformen des Sozialstaats stellt.
buchmarkt.de: Besteht nicht die Gefahr, dass in heutiger Zeit die politischen Sachbücher sich auf die Genussdauer einer Zeitung einpendeln?
Tobias Heyl: Käme es so weit, hätten die politischen Sachbücher gegen die Zeitung keine Chance mehr. Bücher müssen anderes und mehr bieten als die Presse, sonst ist niemand bereit, vergleichsweise viel Geld und Zeit in sie zu investieren.
buchmarkt.de: Beim Arbeiten unter solchem Zeitdruck – ist da überhaupt noch ordentliches Lektorat möglich?
Tobias Heyl: Das ist alles ein Frage der Organisation. Abgesehen davon entfallen ja bei schnell produzierten Titeln in der Regel aufwendige Teile wie Anmerkungen, Register und Bibliographien.
buchmarkt.de: Wäre das E-Book nicht ein perfekt-schnelles Medium für sich schnell verändernde politische Inhalte?
Tobias Heyl: Nachdem noch niemand eine Vorstellung davon hat, welche Rolle das E-Book in Zukunft auf dem Buchmarkt spielen wird, ist diese Frage kaum beantworten. Das Tempo dürfte keine so große Rolle spielen, denn das E-Book spart ja lediglich die Zeit für Druck, Bindung und Auslieferung. Geschrieben und lektoriert werden muss auch ein E-Book.
buchmarkt.de: Was verkauft sich derzeit am besten: Biografien, Überblicksdarstellungen, Historisches, Gegenwärtiges?
Tobias Heyl: Biographien gehen immer gut, und "Gegenwärtiges", im Sinne einer knappen, pointierten Intervention, findet auch viele Leser.

Lutz Dursthoff
Lutz Dursthoff, Cheflektor Kiepenheuer & Witsch
buchmarkt.de: Wie schnell muss man heute sein, um im politischen Sachbuch noch mitspielen zu können? Ganz konkret: Sollte Obama die Wahlen verlieren, könnte man einen Tag nach der Niederlage noch seine Biografie verkaufen?
Lutz Dursthoff: Es stellt schon eine sportliche Herausforderung dar, ein Thema früh genug anzupacken, die Entwicklung in drei oder sechs Monaten zu antizipieren versuchen und dabei auch noch das Glück zu haben, dass nicht ein halbes Dutzend weiterer Titel zum Thema erscheint. – Zu John F. Kerry gab’s vor vier Jahren eine ganze Reihe von Büchern, auch von KiWi – und er wurde nicht mal Präsident. Wenn Obama verliert, haben wir allerdings noch ganz andere Probleme.
buchmarkt.de: Was sind Ihrer Meinung nach die politischen Schwerpunktthemen dieses Herbstes?
Lutz Dursthoff: Helmut Schmidt. (Bei KiWi im Januar 2009: „Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt“) Der 20. Jahrestag des Mauerfalls kündigt sich mit Rückblicken auf die andere deutsche Republik an. (Bei KiWi gerade erschienen: „Was war die DDR?“ von Rolf Hosfeld) Die Diskussion um die Türkei und einen möglichen EU-Beitrag. (Zum Buchmesse-Gastland bei KiWi: „Bittersüße Heimat“ von Necla Kelek) Und dann wird die Finanz- und Bankenkrise sicher eine ganze Reihe von Titeln hervorbringen – von „Wie konnte das passieren?“ bis „Wie rette ich mein Geld?“. (Bei KiWi: „Der globale Countdown“ von Harald Schumann und Christiane Grefe)
buchmarkt.de: Besteht nicht die Gefahr, dass in heutiger Zeit die politischen Sachbücher sich auf die Genussdauer einer Zeitung einpendeln?
Lutz Dursthoff: Mit Printmedien und Internet kann das politische Sachbuch in Sachen Tagesaktualität nicht mithalten. Seine Stärken sind die tiefgehende Analyse, der Hintergrundbericht, die Gesamtdarstellung, der originelle Ansatz. Eine andere Frage ist, ob das Publikum weiterhin die Neugier und die Geduld für die Lektüre längerer Texte, die nicht nur unterhalten wollen, mitbringt.
buchmarkt.de: Beim Arbeiten unter solchen Zeitdruck – ist da überhaupt noch ordentliches Lektorat möglich?
Lutz Dursthoff: Auch bei einem Schnellschuss muss und kann man sich die notwendige Zeit für das Lektorat freischaufeln.
buchmarkt.de: Wäre das E-Book nicht ein perfekt-schnelles Medium für sich schnell verändernde politische Inhalte?
Lutz Dursthoff: Stimmt, so könnte man ständig rasch aktualisieren, gerade bei Entwicklungen wie der gegenwärtigen Finanzkrise, die in Echtzeit vor unseren stauenden Augen abläuft. Das Problem wäre aber, dass so Dutzende unterschiedlicher Textformen in Umlauf kämen, die Integrität und „Würde“ des gebundenen Buches gefährdet würde – und der Käufer des „analogen“ Buches sich für den Dummen halten könnte.
buchmarkt.de: Was verkauft sich derzeit am besten: Biografien, Überblicksdarstellungen, Historisches, Gegenwärtiges?
Lutz Dursthoff: Bei uns eindeutig aktuelle Titel (s.o.), aber auch Gerd Koenens großartige Untersuchung des Che-Guevara-Mythos „Traumpfade der Weltrevolution“.
Die Fragen stellte Ulrich Faure.