- Lutz Schulenburg: Mit „Nautilus Flugschriften“ back to roots

Lutz Schulenburg
Die Hamburger
Edition Nautilus ist mit der neuen Reihe „Nautilus Flugschriften“ zu ihren verlegerischen Anfängen zurückgekehrt. Erstmals auf der Buchmesse sind die Konturen dieser Edition sichtbar.
Ulrich Faure sprach mit Verleger
Lutz Schulenburg.
buchmarkt.de: Zur Messe sind Sie so richtig durchgestartet mit der Reihe „Nautilus Flugschriften“. Inwiefern ist das eine Rückkehr zu den verlegerischen Anfängen?
Lutz Schulenburg: Unsere ersten Broschüren, die wir ab 1973 herausbrachten, erschienen unter diesem Reihentitel. Und so ist die Neu-Etablierung der Reihe „Flugschriften“ ein bewusster Rückgriff auf die verlegerische Intention, eingreifende Bücher herauszubringen.
Wir wollten politisch, ästhetisch und sozial eine Position beziehen, die sich vom damaligen Mainstream unterschied. Weiterhin wollen wir wachrütteln, nicht einschläfern. Mit „Rückkehr“ ist nicht eine formale Oberfläche gemeint, nicht das bloße Wiederaufgreifen eines bereits benutzten Reihentitels. Es handelt sich um eine inhaltliche Schärfung unserer Konturen, den spezifischen Stärken unseres Programms.
Nehmen Sie als Beispiel die Neuauflage von Raoul Vaneigems „Handbuch der Lebenskunst“. Dieses Buch hat uns bereits als jüngere Menschen schwer beeindruckt und gehörte zum intellektuellen und emotionalen Rüstzeug der Verlagsgründer. Und bei der Überarbeitung für die jetzige Neuausgabe hat es uns aufs Neue begeistert, so als käme es gerade vom Autor. Es ist eben ein Buch, dessen intellektuelle Wucht immer noch mitreißend ist.
buchmarkt.de: Was genau wird alles in den Flugschriften erscheinen?
Lutz Schulenburg: Die Reihe präsentiert: Analysen, Berichte, Theorien, Fragen und Positionen. Die Veröffentlichungen sollen Auswege aus der gesellschaftlichen Krise aufzeigen, neue Horizonte eröffnen und alternative Möglichkeiten der Veränderung aufzeigen.
Generell soll sie der geistigen Schmalspurkost entgegenwirken, die uns von den Meinungsmachern täglich verabreicht wird. Auch opponieren wir mit den „Flugschriften“ gegen die austauschbare und ohne schöpferische Fantasie auskommende politische Literatur.
In der Reihe werden aktuelle und historische Themen, brennende wie schwelende Fragen der Gegenwart mit analytischen oder erzählerischen Mitteln aufgegriffen. Die bisherigen „Flugschriften“ weisen mit ihren Themen und Autoren aufs schönste die Richtung, in welche die Reihe fortschreiten wird.
buchmarkt.de: Auf wie viel Bände ist die Reihe ausgelegt?
Lutz Schulenburg: Es sollen zwischen 4 und 6 Bände pro Jahr erscheinen, und, weil ewig am längsten währt, auf die nächsten 35 Jahre hochgerechnet, kommt dann schon eine stattliche Bibliothek zusammen.
buchmarkt.de: Sie bereiten derzeit das 35. Verlagsjubiläum in nächsten Frühjahr vor. Was soll da alles passieren?
Lutz Schulenburg: Gute Frage, aber lassen Sie sich doch überraschen!
buchmarkt.de: Als explizit politischer Verlag haben Sie den größten Erfolg der Verlagsgeschichte mit einem Krimi namens „Tannöd“ gehabt. Ärgern Sie sich, dass Sie nicht früher auf ein eher massenkompatibles Genre gesetzt haben?
Lutz Schulenburg: Überhaupt nicht. Da ich immer zufrieden war mit dem, was wir hier im Verlag gemacht haben, und dabei nie das selbstgefällige Gefühl hatte, nichts mehr lernen und erfahren zu können, habe ich den Erfolg als Geschenk empfunden. Da so ein Erfolg nicht „machbar“ ist, freue ich mich darüber, vor allen deshalb, weil wir so unsere Unabhängigkeit bewahren können.
Außerdem, gerade weil unser Verlag immer unkonventionelle Vorstellung gepflegt hat, passte „Tannöd“ gut ins Programm. Das Manuskript wurde bei anderen Verlagen abgelehnt, weil es nicht in den üblichen Rahmen passte. Insoweit sehe ich zunächst einmal im Erfolg von Andrea Maria Schenkel die glückliche Bestätigung unseres verlegerischen Eigensinns.
buchmarkt.de: Wenn Sie die Bundesrepublik zu Zeiten der Verlagsgründung mit der heutigen vergleichen: Was hat die Edition Nautilus in dieser Zeit publizistisch bewirkt?
Lutz Schulenburg: Weniger, als ich mir selbst erhoffte, genügend aber, um mit gespannter Erwartung weiterhin Fantasie und Aufklärung zu verbinden. Anders gesagt: als Teil der unabhängigen Verlags- und Buchhandelssphäre haben wir mitgeholfen, das Feld der Möglichkeiten für ein eigenständiges und kritisches Denken zu erweitern und den Freiraum (in dem aus Themen und Theorien Handlung wird) gegen den Staat mit seinen Zensureingriffen und dem reinen ökonomischen Raubbau, der diese Gesellschaft beherrscht, zu verteidigen.
Unser Wirken, unsere Erfolge sind der gesellschaftlichen Bewegung geschuldet, die seit 1968 die moderne kapitalistischen Welt herausfordert. Der spezifische Beitrag der Edition Nautilus dabei ist naturgegeben bescheiden, wenn auch nützlich für eine schöpferische Fantasie – so haben wir immer die ästhetische Avantgarde als unabtrennbaren Teil des revolutionären Denkens verteidigt, indem wir Texte der Dadaisten, Surrealisten und Situationisten herausgebracht haben.
buchmarkt.de: In Ihrem Verlag erscheint ja auch die legendäre Zeitschrift „Die Aktion“, wie sieht es damit aus?
Lutz Schulenburg: Gut, dass Sie nach unserer Zeitschrift fragen, denn gerade diesen Herbst wurde das Blatt einer gründlichen Überholung unterzogen. Aufmachung, Format, Layout wurden rundum erneuert und auch thematisch sind neue Akzente gesetzt worden. So erscheint mit Marc Thörners kenntnisreichem Bericht über die Situation in Afghanistan, „Krieg am Hindukusch“, erstmalig eine Reportage in der Zeitschrift.
Und mit dem großen Interview, das Albrecht Götz von Olenhusen mit dem Künstler Rudolf Schönwald über dessen Überleben als Jude 1943 in Budapest führte, gehen wir auch neue Wege. Beim „Alten“ bleibt die geistige Orientierung: „Die Aktion“ ist ein radikales Blatt der libertären Linken – ganz im Sinne von Franz Pfemfert, unser Vorbild, der, wie Kenner wissen, „Die Aktion“ 1911 begründet hat. Und so eine Traditionslinie verpflichtet selbstverständlich. Außerdem, wie wir alle täglich erfahren, meldet der „Kapitalismus“ gerade seinen Teilbankrott an und da sind alternative Wege aus der gesellschaftlichen Misere gefragter denn je.