MESSE-MAYER in LEIPZIG 17.03.2008 02:14
Tag Vier: Und das war Leipzig

Messe-Mayer in Leipzig
Liebe Freunde,
Buchhändlerin
Philine Meyer-Clason aus der
Tucholsky-Buchhandlung in München hat geschrieben. Sie fragt nach, warum ich nichts über Tüten geschrieben habe und beanstandete meine Wortwahl bei der Lobpreisung der Frankfurter Kartoffelsuppe. Das Wort "lecker" sei out, ich solle mich doch zwischen "fein abgestimmt" und "au point" entscheiden.
Sonst noch was? Die Fanta wohltemperiert und gut abgehangen?
Aber ich habe mich natürlich über Ihre Post gefreut. Nur bei Ihren Tüten kann ich Ihnen leider nicht behilflich sein; die müssen Sie sich schon selber drehen.
Ich hatte beschlossen, meinen letzten Messetag so richtig gemütlich anzugehen, aber darin war die Leipziger Buchmesse 2008 noch besser als ich.
Ich habe ein wenig Zeit gebraucht, um mir meinen eiligen, effizienten Frankfurter Messetrabschritt abzugewöhnen. Irgendwann bemerkte ich, dass ich der einzige war, der es eilig hatte. Diese Messe lässt sich nicht mit Herumrennen bewältigen. Das nützt hier nichts.

Gaaanz ruhig, man findet hier eh keinen Ausgang
Diese Messe lässt sich am besten bewältigen, indem man schlendert. Irgendwo sitzt immer irgendwer herum, den man schon kennt oder schon immer kennenlernen wollte, und da kuschelt man sich dann dazu.
Das lockt dann den nächsten an, und schon muss man lauter Notizen machen, um nichts zu versäumen. So funktioniert die Leipziger Buchmesse. Rumsitzen und Kaffee trinken.
Außer am Sonntag, da geht man es natürlich etwas gemütlicher an.
Konsequent bin ich jeden Tag eine Stunde später zur Arbeit erschienen. Aber der Pförtner winkt mich jedesmal mit den Worten durch, dass keine Eile nötig sei, es habe noch gar nicht richtig angefangen, und dann schiebt er sich die Mütze wieder zum Nickerchen ins Gesicht.
Natürlich ist das erfunden, aber es entspricht meiner gefühlten Wirklichkeit, und das meine ich durchaus positiv.
Die
"ganz andere Atmosphäre" als in Frankfurt will ich mit einer einzigen Beobachtung erklären:
Viele der anwesenden Autoren in Leipzig sind prominent, während in Frankfurt fast jeder der anwesenden Prominenten auch ein Buch geschrieben hat.
Am Samstag waren die allermeisten Endkunden zu Besuch. Statt
ZVAB-Tüten werden hier im Osten
Eulenspiegel-Tüten ausgegeben. Insgesamt aber war das Aufkommen an Beutelratten überschaubar.
Wie angekündigt betrug die Besucherzahl circa 0,46 Frankfurt.
Passiert ist heute nicht mehr viel, und das ein oder andere ist gar nicht passiert:
Uli Deurer vom
Kunstmann-Verlag hätte ich gerne noch gehandschüttelt, aber leider haben wir einander verpasst.
Ich verwende nochmal das Frankfurter Foto von 2006; das merkt keiner, sofern Herr Deurer nicht irgendetwas gewaltiges mit seiner Frisur gemacht hat.

Damals: Kirsten Peters und Uli Deurer
Viel los dagegen war in Stadt Leipzig, denn Leipzig liest. In Leipzig wird mehr gelesen als auf der Messe. Man kriegt sogar an den Tankstellen seine Quittung vorgetragen. Fürs kommende Jahr also nehme ich mir zweierlei vor:
a) abseilen (nach Leipzig)
b) abstürzen (Moritzbastei)

zum Beispiel: Die Baumwollspinnerei
Es gibt ein paar Straßen in den neuen Bundesländern, die nach dem mitteldeutschen Politiker
Willy Lohmann benannt sind. Ich dachte zuerst an "Tod eines Handlungsreisenden" und dass es sich um
Willy Loman handelte.
Ich war gespannt, ob es noch weitere Figuren der amerikanischen Gegenwartsliteratur in die ostdeutsche Straßennomenklatur geschafft haben, aber ich fand keinen Alexander-Portnoy-Ring, keine Atticus-Finch-Allee und keine Holly-Golightly-Anlage.
Apropos Desillusionierung: Ich stellte fest, dass unser Teppichboden am letzten Tag nicht mehr vorzeigbar aussah. Das macht natürlich keinen guten Eindruck, Leipzig: WLAN anbieten, aber keinen Staubsauger zur Hand haben? Oder habt Ihr keinen mit USB-Schnittstelle?
Aber genug der Introspektion. Ich setze mich endlich in Bewegung, um z.B. an einem Krimistand den Satz zu hören:
"Der Trend geht zur Leiche."
Ich will den Zusammenhang gar nicht wissen. Der Satz gefällt mir so, wie er ist, ohne dass ich ihn verstehe.

endlich wieder in
Am
Eichborn-Stand (und wahrscheinlich nicht nur da) tauchte ein Mann auf mit den Worten:
"Guten Tag. Ich bin Autor. Wem kann ich denn mein Manuskript überreichen?"
Man empfahl ihm, es ordentlich per Post einzureichen, dann werde er auch eine ordentliche schriftliche Absage erhalten. Dann fragte er:
"Kann ich Herrn Eichborn sprechen?"
Und das hatte mir schon wieder imponiert, mit so wenig Informiertheit sein Maul so weit aufzureißen. Das mache ich auch mal, im Supermarkt meinen eigenen Joghurt anbieten und dann pikiert nach Herrn Aldi verlangen.
Ich räume ja auf jeder Messe ein, zwei Zeilen ein, um mich über unser Software-Haus
BookHit lustig zu machen, z.B. dass die rumsitzen und grinsen anstatt fleißig zu programmieren. Natürlich sind diese Unterstellungen haltlos, aber machen Spaß.
Dieses Jahr habe ich zum ersten mal etwas richtig Nützliches und Wichtiges notiert, nämlich die Zusammenarbeit mit
indis und die daraus resultierende Ausbaufähigkeit des Warenwirtschaftsystems in Richtung eigener, bestandsgekoppelter Internetpräsenz.
Aber das hat hier natürlich keinen Unterhaltungswert.
Deshalb lasse ich es weg.

wieder nix los bei denen. Hotline-Spezialistin
Eva Nobbe und Kommunikationsjochen Diehl
Stattdessen erwähne ich lieber meine Bekanntschaft mit
Susanne Fink vom
Liebeskind-Verlag. Und für
Hugendubel arbeitet sie auch. Ich habe sie wegen des Windes nicht immer richtig verstanden, aber jedesmal, wenn ich nachhakte, stellte sich heraus, dass sie sich selbst nicht zugehört hatte. (Tag Vier, ich wisse schon.)

Kommunikation: Zweibahnstraße
oder Vollsperrung?
Sie überreicht mir eine Visitenkarte, auf der sie einiges durchstreicht, das sie hintendrauf handschriftlich verbessert. Furchtbar. Erst kann ich sie nicht verstehen, und dann kann ich sie nicht lesen; aber wir haben in der Vergangenheit schon gut zusammengearbeitet und werden es auch in Zukunft tun.
Als nächstes lasse ich lesen: Zwar nicht Frau Finks Visitenkarte, sondern freue mich auf eine Handleserin, die auch noch zusätzlich meine Handschrift deutet.
Allerdings war das etwas ernüchternd. Ich erwartete eine alte, einbeinige Zigeunerin, die in meine Lebenslinie guckt, dreimal ausspuckt und sich bekreuzigt; stattdessen knöpft mir eine effiziente, aber geringsympathische Frau einen Heiermann ab und scannt meine Hand ein, während sie meine Unterschrift durch einen anderen Computer jagt und wahrscheinlich für vier Milliarden Jahre dort speichert.
Das Ergebnis wurde noch in der selben Sekunde ausgedruckt und ist in seiner Beliebigkeit den Bericht nicht wirklich wert; aber alleine meine Hand auf diesem Flachbettscanner soll mich ewig an die sinnloseste Investition meines Lebens erinnern.

und dann noch ein Blick in die Kristallgoogle.
Und nein, es heißt nicht Flachbrettcsanner, sondern Flachbettscanner.
Einen Buchkrawattenträger des Tages kann ich zum Abschluss leider nicht präsentieren. Ich habe wirklich keinen mehr gefunden; und das kann zumindest heißen, dass die Gäste und Aussteller wenigstens am letzten Tag einen gewissen Stilwillen an den Tag legen.
Dann hätte ich ein einziges mal im Leben was erreicht.
Thilo Hansen von
Coppenrath, das habe ich für Dich getan.
Und das war meine erste Leipziger Buchmesse. Schlenderblick in den Literaturfrühling, Röhrentreibhaus und Manga-Overkill. Ich hörte eine ältere Dame sagen:
"Das Pokemon, das sollen alles Tiere sein."
Das ist zwar nicht ganz mein Tisch, aber da muss ich doch widersprechen.
Machollo, Glumanda und Quaputzi sind definitiv KEINE Tiere.

...und hier drin sind sie alle untergebracht.
Wenn Sie das lesen, haben Sie schon alles hinter sich. Vielen Dank fürs Anklicken; seien Sie gut heimgekommen. Wir sehen uns hoffentlich auf der Mutter aller Adrenalinmessen im Herbst dieses Jahres.
Ichigo und mir hat es viel Spaß gemacht, diese nette und freundliche Messe zu besuchen, aber jetzt geht's nach Hause.
Damit der junge Mann sich endlich wieder aus seinem Kostüm schälen kann.
Ihr
Matthias Mayer
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