DER MESSE-MAYER AM DONNERSTAG 12.10.2007 03:04
Das war der beste Kaffee
Liebe Freunde der gehobenen Esskultur,
ein Vorwurf, der mir oft vorauseilt, ist, dass ich immer wieder auf kulinarische Themen verfalle. Farfalle? Verfalle.
Aber dafür kann ich wirklich nichts! Dass jeder Stand Essen anbietet, ist genausowenig meine Schuld wie die Schreibkochschwemme, der ich nur schwerlich ausweichen kann. Lafer, Lichter, Linster, Wiener - so heißen Autoren heutzutage, und nicht mehr Hegel, Grimm oder Menasse.
Bzw.
Robert Menasse heißt schon noch Robert Menasse, aber auch der sitzt in der Jury für das
Kochbuch des Jahres: "Typisch Deutsch" von
Jean Claude Bourgueil, erschienen bei
Fackelträger.

von Zittwitz, Robert Menasse, Jean Claude Bourgueil und Frank
Brunner
Frank Brunner, ganz rechts, ist der Leiter des deutschen Institutes für Koch- und
Lebenskunst. Er sammelt Journalisten und hat mich über mehrere Stockwerke und in wechselnden Kostümen um ein Interview oder wenigstens Büroassistenz ersucht.
Vielleicht fasst er auch einfach nur gerne Leute an.
Und was der
Zittwitz auf diesem Bild schon wieder verloren hat, ist mir schleiertanz.
Dass die Offline-Ausgabe von BuchMarkt nun auch noch auf ein Kochbuch-Special im November hinarbeitet, ist dann leider mein Schicksal und nicht meine Schuld.
Und so versuche ich, meinem jährlichen Gespräch mit Messe-Gastro-Chef
Matthias Seuring eine etwas andere Richtung zu geben, obwohl er "kulinarische Harmonie pur für Bücherwürmer" verspricht.

So groß ist der Korken meiner
Lieblingsweinflasche
Die Katalanen sind in ihren kulinarischen Wünschen an die Buchmesse sehr zurückhaltend, weil sie sich mehr um Bücher als um Essen kümmern, und das ist für Herrn Seuring auch mal eine Abwechslung.
Herr Seuring und ich sorgen uns, zusammen mit
Henryk M. Broder, vielmehr um das
Eva-Herman-Land, in dem wir leben. Was Frau Herman so von sich lässt, ist sicher viele Debatten wert, aber interessiert mich nicht wirklich.
Was mich interessiert: Kann man denn in einem freien Land nicht einfach mal richtig viel dummes Zeug reden, ohne dass Kerner seine völlige Hilflosigkeit preisgibt, und ohne Frau Schreinemakers Gelegenheit zu geben, sich aus der Versenkung heraus zu empören, in die sie eigentlich gottlob verschwunden war?
Selten habe ich soviel Hilflosigkeit im Fernsehen gesehen, Kerner mit einer gekochten Linguini statt eines Rückgrats. Als allererstes hätte ich die Schreinemakers rausgeworfen, damit man sich in Ruhe unterhalten kann.
Herr Seuring meinte noch, da hätte nur noch der Küblböck gefehlt, um das Leitkulturpanorama zu komplettieren.
Wenn Herr Seuring sich mal rein kulinarisch ein Gastland wünschen könnte, dann wäre das Japan. Und Afrika als Fußballweltmeister.
Auf dem Weg vom Pressezentrum in Halle 4.0 sehe ich zwei ausgelagerte Raucherinnen sitzen und teile ihre stille Entwurzelung. Bitte verstehen Sie mich nicht miss: Ich bin keiner dieser Schweineraucher, die anderen ihren Rauch aufzwingen müssen. Rauchen ist ganz blöd, und die Raucherlobby ist ganz böse, keine Frage meinerseits.

Schaden & Gut
Aber Rauchen ist nicht nur körperlicher Schaden, sondern auch geistiges Gut.
Man schickt uns einfach raus. Und hinterher dürfen wir wieder rein. Das hat etwas demütigendes; die einstmals geistige Anregung verkommt zur körperlichen Verrichtung.
(Kollege
Uli Faure hingegen sagt, es röche eigentlich wie immer.)
Dass in den Foyers wiederum geraucht werden darf, hat dann natürlich einen interessanten Effekt: Wenn man aus einer frischen, luftigen Halle kommt und dann durch so ein Raucher-Foyer muss, kann man hinterher sein eigenes Sakko inhalieren.
Also raus an die Luft.
Auf dem Kunstgewerbemarkt lerne ich
Mona Friedel kennen. Für Hörspiele bei
United Soft Media hat sie schon Sheltie und Sternenschweif-Geschichten ihre Stimme geliehen, hat Werbespots besprochen und synchronisert Guido Knopp nach, damit niemand hört, dass er aus Hessen ist.

Sheltie, das Lavendel-Einhorn
Bis United Soft Media mal wieder ihre Stimme braucht, geht Frau Friedel mit ihrem Lavendelhaus auf Marktreisen.
Und ich dachte, ich wäre der einzige, dem diese Haifischbranche mindestens zwei Berufe abnötigt.
Ich befrage ja jede Messe ein anderes Softwarehaus nach den Entwicklungen in der Branche, und diesesmal nehme ich mir die Firma
BookHit aus Drensteinfurt vor.
Michael Spartmann, der fleischgewordene EAN-13, kündigt spannende Entwicklungen für 2008 an: Nämlich nix.
ISBN-Umstellung hat geklappt, da kommt nix mehr, Euro haben wir schon, der bleibt erst mal, Datenformate der Datenbankanbieter stimmen auch alle, kann man so lassen.
Wenn ich in der hektischen, betriebsamen Softwareentwicklung tätig wäre, würde mir bestimmt ebenfalls ein langer Bart wachsen.
Zur Mittagszeit wollte ich mein Gespräch mit
Oetker-Verlegerin
Annelore Strullkötter wieder aufnehmen, aber Frau Strullkötter hatte auch heute keine Zeit, ließ mir was zu essen nachwerfen und bestellte mich für Freitag.
Also gut. Obwohl ich diesesmal wirklich nur reden wollte und nicht essen, erbarme ich mich der
Scheiben von Kalbshaxe mit Topfengrießstrudel auf Pflaumen.

Das Süße ist Pflaume.
Die Kalbshaxe schmeckte viel feiner als sie klingt, Topfengrießstrudel ist mal was anderes als Pommes, und die süße Brücke über die Pflaumen erfreute meinen Gaumen.
Nach dem Essen ist natürlich ein Kaffee grad recht, und Dank Ihrer Zuschriften hatte ich nun mehrere Alternativen zur Auswahl.
Der Kaffee beim Arbeitskreis Sortiment war zwar nicht herausragend, aber auch nicht schlecht; ein starker Espresso aus einer Jura-Maschine. Bei
Eichborn war er auch lecker, aber da bin ich sehr subjektiv, denn das war der erste Messekaffee, und den nehme ich immer bei Eichborn ein, egal, wie er schmeckt.
Dann aber bat mich
Jürgen Welte, Geschäftsführer bei
Collection Rolf Heyne, an seinen Stand, um mir persönlich eine Kaffeeröstung aus der Schweiz zu mahlen, zu brühen und österreichische Milch dazuzuschäumen, in eine vorgewärmte Tasse und mit einen frisch galvanisierten Löffel.

Vollendet.
Ich kann vorwegnehmen, dass dieser Kaffee den ganzen Tag nicht mehr übertroffen wurde. Er war würzig, aber nicht bitter, hatte Crema und Charakter.
Er schmeckte.
Aus Sympathie nahm ich noch eine Tasse Filterplörre bei
Gabal zu mir, gewürzt mit Würfelzucker vom bestecklosen Gemeinschaftsteller und Portionsmilch, die schlecht aufging.
Ursula Rosengart fragte stolz, wie ich den Kaffee fände. Ich gab mir Mühe, sachlich auf die Mängel dieser Kaffeegabe einzugehen. Ich sagte, ich käme gerade vom Verlag Collection Rolf Heyne. Man schämte sich entsprechend, nahm mein Urteil demütig als willkommene Anregung zur Verbesserung dankbar an und prügelte mich mit einer fast fünf Kilo schweren Riesentoblerone vom Stand.
Die gewann Gabal bei der Prämierung des Titels "The Halo Effect". Es handelt von Managertäuschungen, aber mehr habe ich zwischen den Hieben mit der Toblerone nicht mitbekommen.
Natürlich, das räume ich ein, ist es unfair, nach einem Kaffee bei Collection Rolf Heyne ein anderes Getränk auch nur ansatzweise danebenzustellen.
(Und selbst eine Jura-Kaffeemaschine, die in dieser Branche scheinbar obligat ist (Eichborn, Baumhaus, AKS usw.), hängt letztlich von ihrer Bebohnung ab.)
Aber ich bin ja nicht nur zum Amusement hier.
Also besuchte ich die Halle 4.0: Forum Management.
Hier zum Beispiel berät der
Arbeitskreis Sortiment über mehrere Stunden, wie man ein Schleifchen am besten auf ein geschenkverpacktes Buch appliziert.

Schleifchen? Bändchen? Oh Wilderness.
Franziska Bickel vom Sortimenterausschuss erinnert sich daran, dass sie vor 14 Jahren mal meine Texte gelesen hat und sortiert mich mit den Worten "Ach, Sie sind dieser Azubi!" wahrscheinlich ins Buchhandelsprekariat ein.
Die ehemals sogenannte "Volltextsuche Online - VTO" hat ihren Namen nun in
Libreka geändert, weil VTO immer irgendwie nach "Video Theresa Orlowski" klang.
Ich weiß nicht, wer diese Theresa Orlowski ist oder wo die verlegt wird, aber ich habe diese Information ja auch von
Anne v. Bestenbostel. Die muss es wissen. Woher auch immer.
Eine Ecke weiter verfolge ich mit Frau v. Bestenbostel eine Diskussion über den deutschen Bücherproduktionsüberschuss. Bei 90.000 Büchern im Jahr müsste jeder Bundesbürger täglich 300 Stück weglesen.
Dieter Banzhaf war um eine Definition von wirtschaftlichem Verlagsdenken bemüht, ohne dass es nach Controlling klingen sollte.
Jörg Bong hatte den dankbareren Part und vertrat kühn, dass ein Verlag geradezu die verdammte Pflicht hat, auch unrentable Bücher zu verlegen.
Zwischen ihnen saß Shooting Star
Thomas Glavinic mit schlechtem Gewissen, weil sein neustes Buch eine der 90.000 Neuerscheinungen war und somit messbaren Anteil am Produktionsüberschuss trägt.

große Debatte. Glavinic eingenickt.
Im Lesezelt trat
Wolf Biermann auf. Er hat wirres Zeug erzählt und gesingsangsungen, und zwischen dem Ereifern und dem Singsang konnte ich nicht immer Übergänge ausmachen, aber das war Absicht und sollte so sein, und ich glaube, er hat endlich die DDR besiegt.

Journalist Öhler, Klassenfeindfeind Biermann
Nach ihm trat
Herman van Veen auf, um mit Fidel und Gitarre sein neuestes Buch vorzustellen (erschienen beim
Gütersloher Verlagshaus.) DER Herman van Veen! Ich bin mit den "seltsamen Abenteuern des Herman van Veen" aufgewachsen.
Was hatte ich immer eine Angst vor dem! Der war doch unheimlich! Dieser Akzent, diese Stimme, diese mysteriösen und nebulösen Geschichten über einsame Gespenster, diese komische Musik!

Goede Middag!
Ich freute mich also darauf, Herman van Veen als Erwachsener gegenüberzutreten, um dieses Trauma endlich zu überwinden.
Leider hat die Enttraumatisierung nicht geklappt, und ich habe wieder ganz viel Angst bekommen, aber es war schön, ihn mal wieder zu sehen.
Vor dem Lesezelt trifft mich Türsteherin
Sabine Wolter und lässt Kollegin
Kirsten Peters grüßen. Somit gern geschehen.
In Halle 4.2, dem Wohnzimmer dieser Messe, ist das Bloggerzentrum untergebracht. Da sitzen bis zu acht Blogger und bloggen, im direkten Auftrag der Buchmesse.
Also echte Blogger, nicht solche halbseidenen Nachtarbeiter wie ich.

Blogflötengruppe
Die treffen sich morgens, teilen die möglichen Themen nach ihren Vorlieben und Spezialgebieten auf und schweifen dann aus; womit sie also besser organisiert sind als unsere Redaktion.
Ihre Eignungen zum Messeblogger sind verschiedenster Provenienz. So sind einige von ihnen zum Beispiel Buchhändler-Azubis, Online-Journalisten und Studenten der Medienpädagogik; wiederum andere haben richtige Berufe.
Was immer sie erleben, bloggen sie sofort in das Buchmesseportal hinein, angenehm subjektiv und sehr breit im Spektrum.
Klicken Sie bitte
hier.
Von großem Nachteil ist natürlich, dass die Blogger zum Schreiben an ihre Laptops angekettet werden müssen, und auch wir 500 Journalisten finden es doof, dass wir uns im Pressezentrum eine Handvoll Internet-Arbeitsplätze teilen sollen...
...während die
Buchmesse Leipzig sehr wohl schon WLAN zur Verfügung stellt.
Da bitte mal nacharbeiten, Herr Boos.
Zum krönenden Abschluss dieses Messetages durfte ich
Sarah Wiener bei
Droemer Knaur interviewen. Frau Wiener war bestens gelaunt und ist ein würdiger Gegner. Weil sie genau so eitel ist wie ich, haben wir uns großartig amüsiert.

Die Schöne ohne Biest
Über meine Lafer-Parodie hat sie sich gefreut ("mir fehlt Salz"), und Tim Mälzer nennt sie privat gerne "die Mälzwurst". Wir haben uns so charmant verplaudert, dass ich unser Interview für das Kochbuch-Special im November-BuchMarkt komplett erfinden muss.
Wenigstens weise ich auf ihr neues Buch hin: Das große Sarah Wiener Kochbuch, bei Droemer Knaur.
Und dann wollte sie noch mein Buch haben! Da sie dann natürlich merken würde, welche Art Journalist ich in Wahrheit bin, fand ich das eine gute Stelle, um das Gespräch zu beenden.

Die Schöne mit Buch vom Biest
Und nicht nur das Gespräch endete hier glücklich, sondern auch der Tag, der schon keiner mehr war: Sehen Sie nur, wie malerisch die Halle 5 in den Abendhimmel gleißt.

v.l.n.r.: Abendhimmel, Halle 5, Gleiß
Ich verabschiede mich zusammen mit
Hunter S. Thompson und wünsche einen schönen Freitag!

Große katalanische Nichtraucher,
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Ihr
Matthias Mayer
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